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Chemnitz-Report! Unabhängiges Journal aus Chemnitz!
Dienstag, 08.11.2005

Autor: Dipl.-Ing. Andreas Müller

Braucht Deutschland eine Reichensteuer - Ja oder Nein ?!

von Andreas Peter Müller | (c) Chemnitz-Report! Unabhängiges Journal aus Chemnitz! | 08.11.2005

Reichensteuer - ein Thema, welches zu sehr ideologisiert diskutiert wird
Im Zuge der Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und CDU/CSU in Berlin wurde die sogenannte "Reichensteuer" wieder thematisiert und zu einem der Grundsatzthemen gekürt. Nur zu bereitwillig stürzten sich Medien und "Randpolitiker" sowie Vertreter aus Wirtschaft und Gewerkschaft auf diesen, die Gesellschaft polarisierenden Punkt und liesen existentielle, aber schwerer im Detail darstellbare Themen wie Schaffung von Arbeit, Sicherung der Sozialsystheme und Konsolidierung der Haushalte zeitweise in den Hintergrund treten.
Von einer Seite als "Neidsteuer" verunglimpft und von der anderen Seite als "Solidarische Pflicht" glorifiziert, ist diese Steuer zunächst formal eine ungerechte Steuer, da sie eine besserverdiende Schicht mehr belastet als andere. Gleichzeitig bedeutet aber eine solidarische Gesellschaft zwangsläufig gewisse "Ungerechtigkeiten" (oder positiver ausgedrückt: Ungleichbelastungen). Nur durch die Übernahme von zusätzlichen Lasten durch die "Starken" kann den "Schwachen" geholfen werden.
Dieses Solidarprinzip ist eindeutig und ohne Alternative, birgt allerdings ein Risiko. Belastet man den "Starken" zu stark, wird er irgendwann zusammenbrechen und zu den Schwächsten und Bedürftigsten zählen. Deutlich ist dies bereits heute im Mittelstand zu beobachten, welcher unter den in den letzten Jahren ihm aufgebürdeten Lasten zunehmend unter Druck gerät. Die Zahl der Firmenkonkurse, Mitarbeiterrückgänge und Privatinsolvenzen sprechen eine deutliche Sprache.
Betrachtet man die "Reichensteuer" aus der Sicht einer Überlastung der "Starken" muß zunächst sondiert werden, wer überhaupt von dieser Steuer betroffen wäre. Davon ausgehernd, daß sich diese Steuer ausschließlich auf den Bereich Einkommenssteuer bezieht, dürfte dies seitens des Mittelstandes nur für eine kleine, etwas privelegiertere Gruppe zutreffend sein. In erster Linie wird es die unverhältnismäßigen "Verdienste" der  Stars und Sternchen im Show-Geschäft und Sport betreffen, aber auch die exorbitanten Gehälter bestimmter Manager großer Konzerne, Organisationen und Gewerkschaften. Ob die Bemessungsgrenze hierfür 130.000 oder 250.000 Euro sein wird, kann deshalb durchaus eine gewisse Brisanz in vorbeschriebener Hinsicht haben.
Zur Haushaltkonsolidierung wird trotz aller Sparbemühungen kein Weg daran vorbeiführen, der Bevölkerung unseres Landes zusätzliche Belastungen aufzubürden. Mehrwertsteuer, Ökosteuer, Inflation, Renten-0-Runden, Rückbau sozialer Leistungen,  ... - gerade Geringverdiener und Menschen mit niedrigem Einkommen werden hiervon überproportional belastet, z.T. über ihre Leistungsfähigkeit hinaus. Angesichts dessen ist eine angemessene Mehrbelastung der weit überdurchschnittlich gut Verdienenden  über das derzeitige Maß hinaus durchaus ein moralisches Erfordernis.
Die heutige Welt ist global. Nicht unberechtigt sind deshalb die Befürchtungen, daß die Spitzenverdiener Kapitalflucht betreiben würden. Eine Erpreßbarkeit des Staates aus der Flucht der "Reichen" ins Ausland stellt allerdings den Sozialstaat in seinen Grundfesten in Frage. Wer garantiert, daß bei der Neuregelung des Steuerrechts und vor allem durch den Wegfall der "Steuerschlupflöcher" diese Gefahr nicht besteht, bedeutet doch dies in viel höherem Maße eine Mehrbelastung aller Einkommenssteuer zahlenden Verdienstgruppen. Viele haben bis jetzt hierüber Steuern gespart oder gar keine erst gezahlt haben.
Die Diskussion um die Belastung "Reicher" als eine Lagerdiskussion zu führen, ist gefährlich für den Sozialstaat, verhindert es doch, den Weg frei zu machen, für zielführende Lösungen. Keinesfalls darf sich die SPD zu einer unsäglichen "Neiddiskusion" aufrüsten. Dies wäre politisch und wirtschaftlich verheerend für die Bundesrepublik Deutschland. Aber auch CDU und CSU sind gut beraten, hier die Diskussion nicht in gegensätzlicher Weise anzuheizen, bedeutet ja auch die von Ihnen angestrebte Abschaffung der Steuerspartatbestände ähnliche Auswirkungen insbesondere für die "Besserverdienenden".
Ist es uns Ernst mit dem Sozialstaat Deutschland, müssen Wege gesucht und gefunden werden, der "Steuerflucht" entgegenzuwirken. Günstige Produktions- und Lebensbedingungen sind ein Anreiz dafür, trotz Mehrbelastung hierzubleiben, geeignete Sanktionen ein Zweiter, eine neue Wertediskussion auch in Richtung Besserverdienender ist ein Dritter. Ob Deutschland letztlich eine "Reichensteuer" braucht oder andere Wege gefunden werden, um abzusichern, daß jeder nach seinem Leistungsvermögen etwas leistet für die Solidargemeinschaft, wird letztlich von der Intellegenz und Willigkeit der politisch Aggierenden abhängen. Alternativen gibt es sicher.


 Veröffentlicht am Dienstag, 08. November 2005 in: | Chemnitz-Report!
| Bundespolitik | Wirtschaft |
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