
Schrumpfen oder
Wachsen?
von Andreas Peter Müller | (c)
Chemnitz-Report! Unabhängiges Journal aus Chemnitz! | 01.03.2008
Soll die Stadt Chemnitz
weiterhin zurück gebaut werden oder soll sie endlich auf Wachstum
ausgerichtet werden?
Seit Jahren wird in Chemnitz
umgebaut, zum Teil recht erfolgreich. Die NEUE MITTE kann sich wahrlich
sehen lassen. Das Tietz, der Moritzhof, die Kaufhauspassage, die
Turm-Passage, die hergerichteten Marktplätze mit ihren
Einkaufsstätten, Cafes, Bars, Gaststätten, neue Diskotheken,
der Beginn einer Grünzone und 3 große Parkhäuser ...
abgerundet durch das Opernhaus, das Schauspielhaus und nun noch durch
das Gunsenhauser Museum - eine Erfolgsstorry.
Doch jede Erfolgsstorry hat wohl leider auch ihren Preis: Diese NEUE
MITTE wuchs auf Kosten der Randbereiche.
Getreu dem Motto "Eine Stadt muß von innen nach außen
wachsen, wurden notwendige Mittel für Sanierungen und
Instandhaltung in der Mitte der Stadt konzentriert und in den
Randbereichen zunehmend zurück gefahren.
Die Stadt Chemnitz besteht - historisch gewachsen - aus vielen Orten
mit eigenen Ortskernen und eigener Infrastruktur. Heute sagt man
Stadtteile zu diesen ehemals eigenständigen Orten, hat ihnen sogar
wieder eigene Namensschilder gegeben. Von manchen
Orten sind diese Kerne heute jedoch kaum noch erkennbar, bei anderen
entfalten sie sich auch ohne finanzielle Unterstützung der Stadt
wieder zu neuer Blüte. Dieses erneute Wachsen einzelner Kerne auch
außerhalb der Mitte ist ebenfalls etwas, was für eine
aufblühende Stadt charakteristisch ist.
Sowohl das Aufblühen der MITTE als auch der KERNE sind Zeichen
dafür, daß die Stadt wieder wachsen wird. In der
Stadtverwaltung aber, gibt es wohl maßgebliche Kräfte, die -
geprägt vom Schrumpfungsprozess der Nachwendejahre - auch
weiterhin auf ein Schrumpfen setzen: Ein Schrumpfen von Außen
nach Innen! Für diese Politiker und Verwaltungsmitarbeiter sind
die neu aufbühenden Kerne kontraproduktiv und dem Konzept des
Stadt-RÜCK-baus (offiziell immer als Stadtumbau bezeichnet)
entgegenstehend. Sie tun sich schwer damit, diesen Prozess positiv zu
begleiten, ja mitunter hat mancher den Eindruck, sie würden ihn
gar ausbremsen. Unter vorgehaltener Hand flüstern selbst
Stadträte, der Umzug der Albert-Schweitzer-Mittelschule würde
nur deshalb stadtseitig so forciert, weil sich das umgrenzende
Wohngebiet, dank der dortigen Vermieter und Bürger, so
hervorragend und lebenswert entwickelt habe.
Die Industrie boomt, hat Zuwachsraten von 10 bis 25% jährlich. Um
diesen Prozess abzusichern und den Altersabgang zu kompensieren, werden
allein
in der Industrie in
den nächsten 5 Jahren 10.000 Stellen neu zu besetzen sein. Die öffentliche Hand und
alle städtischen Betriebe sind überaltert und stehen
ebenfalls vor dem Generationswechsel bei den Beschäftigten. In den
Wendejahren wurden im Zuge des "Gesundschrumpfungs- prozess" vor allem
Beschäftigte unter 40 Jahren entlassen. Eingestellt wurde seitdem
kaum oder nur in viel zu geringem Umfang. Bei den Erziehern in den
KiTas, den Lehrern in den Schulen, den Mitarbeitern der Verwaltungen
usw. stehen großflächige Renteneintritte bevor. Im
Gesundheitswesen wird seit langem von fehlendem Personal gesprochen.
Gutgängige Praxen schließen, mangels Nachfolger. Das
Handwerk hat sich stabilisiert. Das Wachsen zahlreicher innovativer
Neugründungen schreit regelrecht nach personeller
Verstärkung.
Diesem Bedarf stehen die geburtenschwachen Nachwendejahrgänge mit
einer Schulabgängerzahl von ca 6000
Schülern in den nächsten 5 Jahren gegenüber. Jeden
Menschen, der hier nachrechnet, muß schnell klar werden,
daß dies eine massive Unterdeckung von eigenem Nachwuchs
gegenüber dem Bedarf darstellt. Selbst bei vollem Übergang
aller Schulabgänger ins Berufsleben sowie unter Reaktivierung der
Langzeitarbeitslosen, ist diese Unterdeckung weiterhin akut gegeben.
Allerdings stehen bei einem Teil der Schulabgänger und einem nicht
unerheblichen Teil der Langzeitarbeitslosen die geringe oder
ungeeignete
Qualifikation dem andersgeartetem Bedarf gegenüber. Auf
Arbeitskräfte aus dem Umland kann auch nur sehr begrenzt gesetzt
werden, da hier ähnliche Entwicklungen zu erkennen sind.
Die
Oberbürgermeisterin
der Stadt Chemnitz, Frau Ludwig, hat eine Fachkräftekommission
gegründet, welche dem drohenden Fachkräftemangel der Stadt
Lösungen
entgegen setzen soll. Dies ist auch bitter notwendig, um nicht ein
massives Abwandern der Industrie und anderer Bereiche wegen
Fachkräftemangel erleben zu müssen. Dies würde nicht nur
zu einer
massiven wirtschaftlichen Abwertung der Stadt führen, sondern auch
massive Steuereinbrüche und erneuten Wegzug herauf beschwören. Die Anstrengungen der
Oberbürgermeisterin bei der (Re-)Aktivierung der stadteigenen
Ressourcen sind deshalb sehr hoch einzuschätzen. Nüchtern
betrachtet jedoch, kann aber die Stadt allein aus eigener Kraft nicht
den Bedarf decken, sofern es keinen massiven Zuzug ... also WACHSTUM
... gibt.
Die größten Pfunde, mit denen Chemnitz bei der "Anlockung"
von Fachkräften wuchern kann, sind zukünftig relativ sichere,
gute Arbeitsplätze und noch preiswerte Mieten. Gerade letztere tun
aber insbesondere der städtischen Tochter "GGG" empfindlich weh,
aber natürlich auch anderen Vermietern. Genau deshalb wird ja so
stark auf Rückbau gesetzt, weil nur durch Verknappung des
Wohnraumes höhere Mieten erzielbar scheinen. Das dieser Weg der
angestrebten Verknappung ein Irrweg ist, wird klar, wenn man die Folgen
des Fachkräftemangels betrachtet: Geht die Industrie
und werden die Mieten teurer, verlassen wieder mehr Menschen unsere
schöne Stadt ... notgedrungen! Der Leerstand wird wieder zunehmen,
die Mieten wieder sinken ... nur die Arbeit wird fehlen und die
Infrastrukur muß auf noch weniger Menschen finaziell umgelegt
werden.
Will die Stadt also weiter erfolgreich bestehen, muß sie auf
Wachstum und Zuzug setzen. Hierfür sind die derzeit niedrigen
Mieten enorm wichtig, auch wenn sie weh tun. Eine Ausrichtung auf
Wachstum ist alternativlos. Die Unterstützung der wachsenden
Stadtteilkerne und Wohngebiete ... wie z.B. Markersdorf ... gehört
dazu.
Oder?