PISA
von Andreas Peter Müller | (c)
Chemnitz-Report! Unabhängiges Journal aus Chemnitz! | 20.11.2008
Wie sich Sichtweisen wandeln!
Als die ersten PISA-Studien herauskamen,
stand Deutschland unter Schock. Die Bundesrepublik - das Land der
großen Denker und Dichter - ganz weit hinten im Mittelfeld! Wie
konnte das geschehen?
Schnell schien die Erklärung gefunden: Die Bewertungskriterien
seien falsch, nicht repräsentativ und bzw. oder würden keinen
echten Vergleich zulassen.
Am 02. Mai 2005 philosophierte Oberstudiendirektor Josef Kraus vor
zahlreichen Zuschauern auf einer Veranstaltung des
Johann-Amos-Comenius-Clubs unter der Überschrift "Schule im
Würgegriff der PISA-Kampagne?". Er stellte hier - durchaus
streckenweise auf sehr amüsante Art und Weise - sieben
Widersprüche, Zweifel und Diagnosen zu PISA auf.
Zunächst zweifelte er die "Repräsentativität" an um dann
in Punkt 2 die "Legendenbildung um die Gesamtschule" darzustellen.
Einmal bei Legenden angekommen, dozierte er unter Punkt 3 über
"Legenden um die Skandinavier", unter Punkt 4 über "Die Legende
von der angeblichen Disparität des gegliederten Schulwesens",
unter Punkt 5 über "Legenden um Ganztagsschule" und unter Punkt 6 über
"Legenden um Privatschulen". Unter Punkt 7 schliesslich setzte sich der Referent mit
Diagnosen und Psychodiagnosen auseinander.
Nun, gute 3 Jahre danach, hört man solche kritischen Töne zur
PISA-Studie kaum noch in Sachsen. Kein Wunder - man ist ja neuerdings
auch "Erster"! Heute geht die "Verklärung" der Studie beinahe
schon in das andere Extrem.
Man fühlt sich in allem bestätigt, was man in den Jahren seit
der Wende
veranlasst hatte.
Kein Wort mehr von fehlender Repräsentativität oder
unterschiedlichen Voraussetzungen, wie z.B. völlig
unterschiedliche Anteile von Migrantenkindern oder dass Sachsen einen
einen anderthalbmal so hohen Stand an Förderschülern (Sachsen
ca 6% ... deutschlandweit ca 4%) aufweisst und hiervon viele
Lernschwächen haben. Kaum ein Wort auch darüber, dass Sachsen
aufgrund der von Eltern mit dem Kompromiß zum Volksbegehren
"Zukunft braucht Schule" schwer erkämpften Klassenkennziffern im
Schulgesetz über Deutschlands kleinste Klassen und noch über
ausreichend gut geschulte Lehrer verfügt, hiermit folglich klare
Standortvorteile besitzt.
Ja, Sichtweisen zu Dingen wandeln sich mitunter, je nachdem ob man
davon profitieren kann, oder sie ein schlechtes Bild von einem
zeichnent.
Eines ist jedoch geblieben: die ideologisch geprägte Auslegung der
Resultate. Während Bayerns CSU nach wie vor das 3-gliedrige System
vergöttert, hebt die CDU Sachsens unser 2-gliedriges System in den
Olymp. Weiter links angeordnete Parteien dagegen zelebrieren
weiterhin den unvermeidbaren Weg zur Gesamtschule. Jeder
fühlt sich durch PISA bestätigt. Das ist schon kurios, oder?
Sachsen
hat einiges getan, um Dinge in der Bildung zu verbessern: die
Einführung von Ganztagsangeboten in Schulen, Erziehungs- und
Bildungsauftrag sowie vorschulische Angebote in den KiTas, Initiativen
zur Berufsvorbereitung und noch einiges mehr - vieles davon auf
Drängen der Elternräte. Gleichzeitig provitiert es - neben
durchaus richtigen Weichenstellungen der letzten Jahre - noch immer von
seinen hervorragend ausgebildeten Lehrern. Doch das alles darf nicht
darüber hinwegtäuschen, dass Einsparbegehrlichkeiten im
Bildungsbereich dies immer wieder gefährden und der Bildungsweg
nach oben zunehmend versperrt wird.
Angesichts
der Personalpolitik bei den Lehrern und der seit diesem Jahr
eingeschlagenen Wege bei der Fördermittelpolitik im Schulhausbau -
und damit letztlich auch der Infragestellung der kleinen Klassen -
bleibt aber zu befürchten, dass Sachsen bald nicht mehr ganz oben
auf dem Treppchen stehen könnte. Ob dann wohl PISA wieder
"verteufelt" wird? Auszuschließen ist dies nicht, oder?