Weihnachtsgeschichte
von Andreas Peter Müller | (c)
Chemnitz-Report! Unabhängiges Journal aus Chemnitz! | 16.12.2008
Kinder brauchen unser aller
Unterstützung, denn sie sind unsere Hoffnung, egal wie alt sie
sind!
An der Krippe stehen sie vereint, zu
schützen und lobpreisen das Kind, welches uns Menschen Hoffnung
verheißt. Da hockt die leibliche Mutter Maria vor der Krippe und
kümmert sich liebevoll um den kleinen Säugling. Bei ihr
steht der (nichtleibliche) Vater Joseph und hält die Laterne,
damit Licht werde um Maria und Jesus in der dunklen Nacht des 24.
Dezembers. Die nach dem Erscheinen und der Ankündigung der Engel
herbei geeilten Hirten bestaunen die drei. In Ihrer Freude teilen sie
ihr Brot
und Wasser mit der jungen Familie. Selbst drei heilige Könige
- Caspar, Melchior und Balthasar - stehen beim "gemeinen Volk", bringen
dem Kind Geschenke dar - Myrrhe, Weihrauch, Gold - und lobpreisten die
Geburt. Es ist
Weihnachten. Es ist die Geburt Jesu Christi.
So wie die Geburt von Jesus
für die Menschen Hoffnung brachte,
bringt jede Geburt Hoffnung. Hoffnung, dass das Leben weiter geht.
Hoffnung darauf, dass im Alter jemand da ist, der für einen sorgt,
wenn man es selbst nicht mehr kann. So ist jede Geburt wie ein kleines
Weihnachten. Und genau wie bei Jesus, müssen alle Menschen der
Gesellschaft zusammenstehen, damit aus dem Säugling ein
erfolgreicher Mensch wird. Doch tun sie das?
Jetzt ist wieder bald Weihnachten. Die überfüllten
Einkaufszentren zeugen hiervon genauso wie der Duft und die Klänge
der Weihnachtsmärkte oder das Licht der tausende Kerzen und
Schwippbögen. Über ganz Deutschland verstreute Familien
werden für ein paar Tage zusammen finden. Im Erzgebirge wird man das
"Neunerlei" einnehmen um dann zur Christmesse zu gehen. Die Gabentische
werden sich füllen und Kinderaugen werden strahlen.
Es ist die Zeit der Besinnung. Und in dieser Zeit wurde ich an die
Geschichte der Familie Frank erinnert. Eine Geschichte, darüber,
dass leider in der heutigen Zeit nicht alle zusammenstehen, damit es
den Kindern gut geht, damit sie erfolgreich am Leben teilnehmen
können.
Es war im Frühjahr 2008, als Jenny sich um einen Ausbildungsplatz
in einer privaten Ausbildungsstätte bewarb. Fachabitur mit der
gewünschten Berufsausrichtung. Wenig später wurde der
Ausbildungsvertrag unterschrieben. Jennys braune Augen strahlten. Genau
wie die ihrer Mutter Sabine.
Die 5-köpfige Familie hatte es nicht leicht. Sie lebte mehr
schlecht als recht von Harz-IV. Wie viele Menschen in unserem reichen
Land. Ein Land, dessen Regierung in 5 Tagen 100 Milliarden für
Bankenfehler lockermachen kann, aber die lange angekündigte und
gegen den Bankenfond wie Peanats erscheinende Hartz-IV-Erhöhung
einfach aussaß.
Sie beklagten sich nie, waren sozial engagiert und ständig um
Arbeit bemüht. Um etwas dazu zu verdienen ging Sabine - obwohl
eigentlich überqualifiziert - putzen. Die Kinder trugen Zeitung
aus. Der Vater Thomas schrieb unzählige Bewerbungen - längst
schon nicht mehr nur für den hiesigen Raum. Die scheinbar
"typischen" Hartz-IV-Schnorrer, wie sie die Mediendektive im TV uns
immer wieder präsentieren, waren sie mit Sicherheit nicht.
Endlich eine Anstellung für Thomas über eine Zeitarbeitsfirma
in den alten Bundesländern. Sonntag Nacht mit dem klapprigen Auto
auf die Piste und Freitag Abend zurück. Woche für Woche. Im
Sommer entschloss sich die Familie, der Arbeit nachzuziehen und ihren
Wohnort 400 km weit weg in die Alten Bundesländer zu verlegen.
Für Jenny wurde mit der ARGE die Lage besprochen und ein
Bafög-Antrag gestellt. Sie sollte ihr Fachabitur trotzdem hier
machen können, es später einmal besser haben. Eigentlich
Öl auf die Mühlen unserer Politik: Auch Kinder von Hartzlern
haben in unserer Gesellschaft Chancen auf hohe Bildung. Dachten sie.
Dachte auch ich. Das war Anfang Juli 2008.
Dann begann die Odyssee.
Der Umzugstermin Mitte August kam näher. Trotz ständigem
Aufsuchen der ARGE fehlten Ende Juli noch immer wichtige Unterlagen vom
Amt. Zwar hatte die ARGE mündlich erwähnt, dass im Falle
einer Ablehnung des Bafög-Antrages Jenny Anspruch auf Wohngeld und
Harz-IV hätte. Ein entsprechendes Schriftstück erhielt Sabine
jedoch nicht.
Lange suchte Sabine nach einer kleinen Wohnung für ihre Tochter.
"Hartz-IV? Nein, bitte nicht." Vermieter sind vorsichtig geworden.
Schließlich wurde man fündig. Ein Mietvertrag wurde für
Jenny abgeschlossen. Schließlich hatte man ja die Aussage der
ARGE.
Der Bafög-Antrag wurde abgelehnt.
Sabine suchte mit Jenny die ARGE auf. U25 - ein Hochsicherheitstrakt -
beinahe besser gesichert als unsere Gefängnisse. Jenny wurde ganz
klein. Zum Glück blieb Sabine souverän. In der Diskussion
wurde den beiden mitgeteilt, dass keine Ansprüche auf Hartz
bestünden. Jetzt wurden noch Unterhaltsansprüche ins Feld
gebracht, obwohl bekannt war, dass Jennys leiblicher Vater nicht zahlte
und selbst das Jugendamt diesbezüglich einen langwierigen
Gerichtsgang favorisierte.
Die Diskussion eskalierte - eigentlich erwartungsgemäß.
"Wieso sichern sie uns erst zu, dass Hartz-Anspruch besteht, und
streiten es jetzt ab." ereiferte sich Sabine. Der Zorn war ihr
anzusehen.
Die Bearbeiterin drückte den bestimmten Knopf, wie man ihn auch in
Banken vorfindet. Sicherheit ist halt bei der ARGE wichtig. Besonders
bei U25 - bei Jugendlichen unter 25-Jahren. Kurz darauf stand auch
schon der Wachschutz im Zimmer.
Mit einer fast schon an Satire erinnernden Formulierung "Dies sei keine
Falschaussage gewesen, sondern nur eine unvollständige" beendete
die Bearbeiterin mehr oder weniger abrupt das Gespräch.
Der Umzug kam, ohne dass die ARGE geklärt hatte, wie Jenny
abgesichert wird. Lediglich für einen Monat bewilligte die ARGE
eine vorläufige Wohngeldzahlung.
Die Wochen verstrichen. Der Schriftverkehr nahm zu. Die ARGE bestand
trotz abgelehntem Bafög-Antrag auf die Zuständigkeit der
Bafög-Stelle und lehnte die Bewilligung von Hartz-IV-Mitteln
und/oder Wohngeld ab.
Geld floss folglich nicht. Die Miete musste gezahlt werden. Die letzten
Notgelder der Familie waren aufgebraucht. Wovon Jenny sich ohne Geld
ernährte, interessierte bei der ARGE scheinbar niemanden.
In ihrer Not entschloss sich die Familie zu klagen. Jenny war 18, also
musste sie dies selbst tun. Ihre Eltern waren weit weg.
Anwalt Olaf Vogel nahm sich des Falls an. Kopfschüttelnd
betrachtete er das Ping-Pong-Spiel der beiden Institutuionen auf Kosten
der Bedürftigen. Die Bedürftigkeit bestünde nach seiner
Auffassung, auch wenn sicher noch endgültig zu klären sei, ob
von ARGE oder Bafög-Stelle. In jedem Falle müsse die ARGE -
zumindest bis zur Klärung - vorläufig einspringen. Er legte
Klage gegen die Entscheide von Arge und Bafög-Stelle ein,
beantragte eine vorläufige Eilentscheidung zur Auszahlung.
Beiläufig erwähnte er, dass wahrscheinlich fast die
Hälfte aller hiesigen Hartz-IV-Bescheide falsch seien.
Die nächsten Wochen waren geprägt vom Bangen.
Wieder ging Post hin und her. Ob die Tochter nicht ihr Fachabitur
abbrechen könne und zu den Eltern ziehe könne. Auch die
Hartz-IV-Stelle am neuen Wohnort wurde hierin mit hinein gezogen.
Schüttelte nur mit dem Kopf über die Vorgänge.
Doch auch in der ARGE gab es Unterschiede. So setzte sich eine
Bearbeiterin der Widerspruchsstelle zunehmend für Jenny ein.
Schließlich wurde das Wohngeld vorläufig bewilligt.
Jenny kann wieder lachen. ihre Augen leuchten wieder.
Jenny scheint wieder eine Zukunft zu haben, hier in Sachsen. Kurz vor
der Adventszeit, kurz vor Weihnachten.
Auch wenn der Prozess vor dem Sozialgericht noch läuft, ein
Stück Hoffnung ... Gerade noch zur richtigen Zeit - Weihnachten
ist doch das Fest der Hoffnung.
In diesem Sinne allen ein frohes, friedliche und gesegnetes
Weihnachtsfest im Kreise der Familie, ein Strahlen in allen Kinderaugen
und einen geschärften Blick für alle Kinder, die unserer
Hilfe bedürfen.
Anmerkung:
Die Namen der Handelnden wurden geändert, liegen aber der
Redaktion vor. Die teilweise auf Schilderungen Dritter und teilweise
auf eigenem Erleben aufbauende Darstellung von Problemen bei der ARGE
und der Bafög-Stelle wurden gestrafft dargestellt
und nicht alle im Detail ausgewiesen. Die dargebrachten Zitate von
Äußerungen sind nicht wortgenau sondern sinngemäß
entsprechend den Erinnerungen der Schildernden. Der Ort des Geschehens
liegt in
Sachsen, wird aber nicht benannt. Das Verfahren läuft noch.
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