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Chemnitz-Report! Unabhängiges Journal aus Chemnitz!
Dienstag, 23.12.2008  

Autor: Dipl.-Ing. Andreas MüllerIhr müsst draußen bleiben

von Andreas Peter Müller | (c) Chemnitz-Report! Unabhängiges Journal aus Chemnitz! | 23.12.2008

Die Weihnachtsbotschaft ist schon schwer zu verstehen, oder?
"Weihnachten ist das Geheimnis der Begegnung. Grundsätzlich und tatsächlich gilt dies. Die Menschen, die in den lebendigen Lebensstrom dieser Begegnung gerieten, gerufen oder gerissen wurden, können uns die menschlichen Voraussetzungen sagen, sehen lassen, unter denen der Mensch von Gott rufbar und ansprechbar wird. Und darum geht es: wieder von Gott rufbar und ansprechbar, Gottes wieder fähig zu werden. Dreifach begegnen uns Menschen im weihnachtlichen Geheimnis: die in das historische Geschehen des Geheimnisses gerufen werden; die in der liturgische Erneuerung des Geheimnisses umgeben; und dann der schweigende und doch so laut schreiende Kreis der Abwesenden, auch die leeren Plätze haben ihre Sprache und ihre Botschaft."
[Aus: "Gestalten der Weihnacht", geschrieben von Alfred Delp SJ während seiner Gefangenschaft in Berlin-Plötzensee 1944.]

Es war Weihnachten. Maria und Joseph verliesen die Stadt Nazareth, und pilgerten nach Bethlehem. Dort gebar Maria ihren Sohn Jesus, wickelte ihn in eine Krippe in einem Stall, denn sie hatte sonst keine Herberge. Keiner hatte ihnen Einlass und Unterkunft gewährt. "Ihr müsst draußen bleiben, wir sind voll!" war die Botschaft der Hausbesitzer und Gastwirte. Und so blieb ihnen nur der Stall.

Möglicherweise sind derzeit der eine oder andere Vertreter der großen und kleinen Politik
etwas unausgelastet. So fordern kurz vor Weihnachten einzelne Politiker von CDU und FDP (mangels wichtigerer Probleme?) angesichts des in den Kirchen am 24. Dezember zu erwartenden Besucherandrangs, die Gottesdienste an Heiligabend vorrangig für Kirchenmitglieder zu öffnen. Die Botschaft lautet: "Ihr müsst draußen bleiben, wir sind voll!"
Sie haben die Weihnachstgeschichte vollinhaltlich erfasst, oder?

Die Junge Gemeinde der Altendorfer Kirche in Chemnitz bringt jedes Jahr ein "alternatives Krippenspiel" dar, in welchem sie die Geschichte der Geburt Jesu-Christi in die heutige Zeit verlegen. Sie wollen damit zum Nachdenken anregen. Doch ihre satirische Darstellung scheint nun von der Realität noch übertroffen zu werden.
Es ist in der Politik wie im normalen Leben: Nicht auf das Nachmachen kommt es an, sondern darauf, dass Richtige zu tun. Auch Sachsen kann bei so manchem Gesetz, welches es nach der Wende nahezu "Eins zu Eins" von den verstaubten Fassungen der alten Bundesländern abschrieb und mittlerweile mehrfach verbessern musste, diesbezüglich ein Liedchen davon singen.

Die sich zum besagten Thema des limitierten Eintritts in Kirchen zu Wort melden, setzen aber noch eins darauf: "Ich bin dafür, dass Messen am 24. Dezember nur für Kirchensteuerzahler offen sind», sagte zum Beispiel das baden-württembergische CDU-Vorstandsmitglied Thomas Volk gegenüber einer Zeitung. Einmal davon abgesehen, dass Jesus dem schnöden Mammon mehr als abgeneigt war und deshalb gerade die Zusammenbringung von Steuer und Teilnahme an den Messen wohl die Botschaft Jesus kontakarieren würde, versuche man sich doch einmal vorzustellen, wie dies überhaupt umzustetzen sei.

Jeder, welcher am 24.12. bei der Kirche Einlass begehrt, sollte dann zumindest folgende Unterlagen bei sich tragen: Personalausweis, Taufschein und den letzten Steuerbescheid, besser noch - wegen der Aktualität - die Lohnzettel des letzten Monats. Bei soviel Papieren könnte dann die ohnehn in Bälde geplante Volkszählung möglicherweise auf den 24. vorgezogen und gleich vor den Kirchen vollzogen werden.
Beim Thema Volkszählung wären wir dann auch wieder bei der wahren Weihnachtsgeschichte. Wobei natürlich nicht vergessen werden darf, dass die Volkszählung damals einen sehr tragischen Hintergrund hatte: den von Herodes angeordnetenn Mord aller unschuldigen Jungen in Betlehem. Heute hat ein Volkszählung natürlich nur heere Ziele, sieht man mal von der frei zugänglichen staatlichen Veröffentlichung wesentlicher Meldedaten im Web ab.

Auch die für den Berliner Dom geplante Vergabe von Sitzkarten an Gemeidemitglieder dürfte das Problem der "Filtration" kaum lösen helfen. Weihnachten feiern die meisten Menschen in Familie - eigentlich in Großfamilie, wo dass noch möglich ist. In Deutschland, dem Staat schier unbegrenzter Mobilität der ihrer Arbeit nachziehenden Arbeitskräfte (oder fast schon besser: Arbeitsnormaden), sind die Familien über das gesamt Land verstreut. Sofern sie tatsächlich noch in Kirchgemeinden organisiert sind, dann jedoch sehr oft in unterschiedlichen, denen ihres Wohnortes. Sie würden im Falle des "Zu-Besuch-Seins" folglich keine Karten erhalten, da sie ja nicht zur dortigen Kirchgemeinde gehören. Gerade die Gäste würden dann möglicherweise "ausgesperrt".
Die Botschaft auch für sie könnte dann möglicherweise lauten: "Ihr müsst draußen bleiben, wir sind voll!" Paradox.

Die Kirche ist das Haus Gottes und dieses steht für jeden offen. Auch für die Politiker, die gern andere ausschliessen wollen! Selbst eingefleischte Atheisten wissen dies.
Diesbezüglich besteht dann doch ein großer Unterschied zu jener Weihnachtsnacht bei der Geburt Jesu-Christi. Wer am Heiligabend ein Dach über den Kopf, Frieden und Besinnung sucht, der ist willkommen, dem stehen die Tore offen. Keiner muss draußen bleiben, keiner wird ausgeschlossen.
Das macht doch Hoffnung! Und insbesondere Weihnachten ist ja ein Fest der Hoffung.
Eigentlich sollten wir uns doch darüber freuen, dass so viele Menschen die Weihnachtsmessen besuchen, dass sie dort Ruhe, Besinnung, Kraft und Hoffnung finden. Gerade in der heutigen Zeit, wo wir dies alle so dringend brauchen.
Oder?


Quellen:
1) Gottesdienste an Heiligabend:  Kirchenmitglieder sollen «nicht die Dummen» sein [http://www.netzeitung.de/politik/deutschland/1237237.html]
2) Alle Jahre wieder: Wegen Überfüllung geschlossen [http://www.tagesspiegel.de/berlin/Kirche-Heiligabend-Weihnachten;art270,2689578]
3) Politiker-Vorschlag: Christmetten nur für Kirchenmitglieder?  
    [http://www.focus.de/politik/deutschland/politiker-vorschlag-christmetten-nur-fuer-kirchenmitglieder_aid_357746.html]


Veröffentlicht am Dienstag, 23. Dezember 2008 in: | Chemnitz-Report!
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