Es ist eine Geschichte von Gier und Geiz,
sowohl seitens der Manager
als auch der Kunden. Für unanständig hohe Renditen wurden
alle Skrupel und gesunden Instinkte fallen gelassen. Es ist aber auch
eine Geschichte über blindes Vertrauen in eine stets korekte
Arbeit von Aufsichtsbehörden und in die opferlose
Selbstregulierung des Marktes.
Lang, lang
ist es her .......
Es waren die goldenen Zwanziger. Der Krieg
war vorbei. Die Konjunktur
boomte. Immer modernere Fabriken und Organisationsformen der Produktion hielten Einzug.
Ausgestattet mit Maschinen und nach dem Fließband-Prinzip
arbeitend hatten sie die Einzel- und Handfertigung in Manufakturen
weitgehend vollständig abgelöst.
Autos übten sich gerade in der
erfolgreichen Emanzipierung von der
Pferdekutsche. Das Radio eroberte die Herzen
der Menschen.
Die
moderne industrielle Technik hatte endgültig alle Bereiche des
Lebens systematisch erfasst, war zum Fundament einer ganzheitlichen
modernen Lebensversorgung geworden. Die USA wähnte sich in einem
neuen
Zeitalter, einem Zeitalter immer währenden
Wohlstands.
1925 kam der
erste große Rückschlag. Der Immobilienboom in den USA erfuhr einen
Crash. Waren der
Wert von Häusern und Grundstücken bisher ständig
kräftig gestiegen, so rutschten die Preise nunmehr "schlagartig"
gravierend ab. Unerwartet
und nicht voraussehbar?
Wohl eher nicht? War es nicht eher eine
Geschichte von Gier,
von Überschwang und von
Überheblichkeit?
Wieso sah niemand die Gefahren oder wieso warnte
niemand davor, wenn er sie doch gesehen haben sollte? Worauf
begründete sich die damalige Überzeugung, dass das amerikanische
Wirtschaftsmodell nahezu perfekt sei und niemand sich zu sorgen schien,
dass das ganze Finanzgebilde zusammenbrechen könnte?
Der
Absturz am Immobilienmarkt war
nur der Auftakt zur eigentlichen Krise. Die große Einsicht brachte
der Crash allerdings nicht.
Wieso vertraute man trotz dieser
Alarmzeichen weiterhin darauf, dass sich Geld
beliebig vermehren lässt? Wieso begeisterte
man sich weiter für die Börse und steckte sein Geld in
undurchsichtige
Fonds? Wieso versicherte
noch wenige Tage vor dem großen Crash im Jahre 1929 einer der
führenden Wirtschaftswissenschaftler der USA, Irving Fisher, die
Aktienkurse hätten "ein dauerhaft hohes Niveau erreicht"? Wieso verkündete der der
damalige Präsident der USA großspurig "Wir sind dem
endgültigen Sieg über die Armut heute näher als je zuvor
in unserer Geschichte."? Hat man die Realitäten tatsächlich einfach
verdrängt?
Die
Folgen waren dramatischer, als man sich damals in den schlimmsten
Alpträumen vorstellen konnte: Zunächst eine verheerende
Weltwirtschaftskrise. Im Zuge schier unfassbarer Verarmung breiter
Bevölkerungsschichten radikalisierten sich die
Gesellschaftsordnungen weltweit zunehmend. Links- und Rechtsextremismus
erlebte eine nie dagewesene "Blütezeit", welche dann fast
unvermeidbar im 2. Weltkrieg sein dramatischen Höhepunkt fand.
Erklärend
wird gern ins Feld geführt, dass 1929 die Aufsichtsbehörden noch nicht
existent oder nur schwach gewesen waren. Die Börsenaufsicht SEC wurde gar erst als Reaktion auf
die Weltwirtschaftskrise geschaffen. Auch war es sicher aus heutiger
Sicht ein Fehler, dass
die US-Notenbank, um Stärke zu beweisen, damals das Geld verknappt
hatte, anstatt es zu verbilligen.
.......
gewesen
Viel
Zeit ist seitdem vergangen. Auch der Immobliencrash in Japan in den neunziger Jahren
scheint mittlerweile ewig her und für weiter Lehren untauglich zu
sein.
Wieder wähnte sich die USA auf dem Weg
in ein neues Zeitalter. Raumfahrt, Computer, Software, Internet,
Hochtechnologien, wirtschaftliche, finanzielle und militärische
Stärke ... es schien keine Grenzen mehr zu geben.
Wieder lebten die Amerikaner über Jahrzehnte
hinweg auf Pump. Wieder
stiegen die Immoblienpreise ständig und wieder vertraute man nahezu ohne
Einschränkung darauf, dass sich Geld
beliebig vermehren lässt? Wieder wähnten sich die USA in einer Phase des
immerwährenden
Wohlstands, unterstützt von "neoliberalen Politikern auf der
ganzen Welt, die das parisitär anmutende System der USA
glorifizierten und
dabei übersahen - oder übersehen wollten - dass die USA
hierfür mit
ihrer Maßlosigkeit
den Rest der Welt als Geisel genommen haben, dass die Welt das Leben
und die Finanzexzesse in den USA finanzierten.
Weder die Menschen in den USA
noch die Finanzakteure aus aller Welt scheerten sich darum, ob die USA
und ihre Bürger
ihre Schulden noch bezahlen können. Das diese
Schuldenwirtschaft einmal zusammen brechen muß, sprachen nur sehr
wenige an. Wirklich Gehör fanden sie jedoch nicht im Rausch von
Gier und Geiz.
Dann kam der
14.
September 2008 und
das Beben an
der Wall Street begann.
Warnzeichen
gab es wohl, .....
Hat es denn
keine Anzeichen für dieses Beben gegeben,
überhaupt nichts, was
hierauf hin deutete? Oh ja, die hat es wahrlich genug gegeben, doch so
fern
sie nicht im Börsengeschrei untergingen, wer wollte sie wirklich
hören, wo doch Gewinne in unanständiger Höhe lockten, wo
Millionen von Menschen ihr Leben auf dieser Blase aufgebaut hatten?
Zunächst hätten wohl erst einmal die Parallelen zu 1929
stutzig machen müssen. Aber das Vertrauen in die Bankenaufsicht
war wohl genauso groß wie deren Versagen.
Eine Geldverknappung war zudem nicht geplant. Aber dies als weitgehend
einzige Lehre aus dem Chrash von 1929 zu sehen, greift das nicht
ohnehin zu kurz?
Niemand schrie auf, als die Fonds immer dubioser, Finanzprodukte immer
unverständlicher und riskanter wurden. Wo wa die Banenaufsicht? Wo
waren die mahnenden Artikel- und Beitragswellen der sonst so schnell
den "Finger in die Wunde legenden" Medien?
Spätestens ab 2002 mehrten sich Erkenntnisse über massive
Bilanzfälschungen bei großen und renomierten US-Firmen.
Nicht etwa als
Einzelfälle. Doch auch dies schien - mit Ausnahme von Spanien -
weltweit scheinbar niemand zu beunruhigen.
Als 2007 die ersten Banken strauchelten hätte man aufhorchen
müssen. Doch schnell verschwand der Blick für die große
Gefahr im kleinkarierten Provinz-Polit-Scharmüzel um Posten und
Pöstchen, um Zuordnung und Drücken vor Verantwortung, sowie
um Unwissen und Unkenntnis. Schnell war der Blick für die nahende
Katastrophe vom Slogan der Einzelfall-Logik wieder verstellt.
Vergessen und Verdrängen prägten den Weg der Gier.
..... aber
wer wollte diese schon hören ?
Statt die
Lehre aus Sachsenbank & Co zu ziehen, wurde - wie ein
Kaninchen vor der Schlange hockend - weiter in einen längst
verbrannten Markt investiert. Niemand machte sich im Rausch
gigantischer Profite und Renditen
Gedanken, wo diese herkamen, wer wann die Zeche zahlen wird - weder die
involvierten Finanzmanager noch die in Fonds
investiernden Kunden.
Skrupelos wurden die Finanzprodukte immer
komplizierter und unverständlicher gestaltet, damit niemand sie
mehr verstehe. Konzerne stiegen im Kurs, wenn sie
Arbeitskräfte - und damit die Arbeit als eigentliche Quelle
der Wertschöpfung - abbauten.
Sich gegen den Trend gerichtete Wertungen haben sich nicht
durchgesetzen können und so konnte sich die gefährliche
Entwicklung immerhin weitere fünf Jahre zuspitzen. Fünf
Jahre, in denen man gute Provisionen verdient und für die Bank
Gewinne erzielt hat. Fünf Jahre, in denen man mit "verbundenen
Augen" in scheinbar vollständiger Verdrängung der Folgen
jegliche Skrupel fallen lassend immer schneller auf den Absturz
zuzusteuern schien.
Scheinbar nur wenige Banker brachten ab 2002 den Mut auf, von dieser
Rakete nach oben abzuspringen, als Gewahr wurde, dass dieses Flugobjekt
keine Chancen auf eine sichere Landung mehr hatte. Die Übrigen
blieben an Bord in der trügerischen Hoffnung vereint, dass - wenn
schon keine sichere Landung möglich ist - der Flug doch ewig
dauern könnte. Es war eine kurzsichtige - scheinbar nur am hier
und heute sich orientierende - Finanzpolitik nach dem Motto "Wir halten
durch, bis zum letzten Cent, egal wie hoch die späteren Verluste
sind!"
In der Politik wurden die USA weiter zum großen Vorbild
hochstilisiert. Selbst in Deutschland wurde im US-$-Rausch eine der
wichtigsten Säulen der Nachkriegsgesellschaft in Frage gestellt.
Die soziale Säule erfuhr beginnend mit Bundeskanzler Gerhard
Schröder und fortgesetzt von der heutigen großen Koalition
eine permanente Demontage zugunsten einer "freien" Marktwirtschaft wie
in
den USA. Statt auf das Erfolgreiche aufzubauen und sich Verbündete
zu suchen, um das im Fieber befindliche Amerika zu heilen, warf man
alle "Medikamente" über Bord und zelebrierte selbst
"Ansteckungsorgien", wie man es in den alten Bundesländern bei
Gegnern der vorbeugenden Schutzimpfungen zum Teil von den Masern- und
Windpocken-Partys kennt.
Wie sich die Prämissen geändert haben, kann man auch daran
erahnen, wie schnell und problemlos der Bund mit Finanzspritzen
für angeschlagene Banken zur Hand ist, während wir über
Hartz-IV-Höhen Jahre lang diskutieren, wie Finanzmanager
Abfindungen erhalten, während wir Harz-Empfänger zunehmend
medial zu kriminalisieren scheinen. Allein für die Summe, welche
jetzt aus Steuergeldern in die private Hypo Rel Estate gepumpt wird -
entschieden innerhalb von ein ... zwei Tagen - würde ungefähr
ausreichen, um alle Harz-Kosten eines Jahres deutschlandweit zu decken.
Versagen
oder krimminelle Energie ?
Wenn sich
heute große
Finanzmanager, wie der Ex-Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Hilmar Kopper,
öffentlich dahingehend äußern, dass man Produkte nicht
kauft, die man nicht versteht und somit auch die Kunden selbst Schuld
an der Misere hätten, trifft dies durchaus zu. Ob die
führende Finanzwelt derzeit jedoch mit solch klugen Aussagen
glänzen sollte, dürfte angesichts des massiven Versagens sehr
umstritten sein. Analog wie bei einer Mausefalle, wurden saftige
Köder ausgelegt. Hier wie da schlug die Falle zu, als der
Köder geschluckt war.
Es dürfte schon schwer fallen, bei dieser Vorgehensweise
Ähnlichkeiten zum hochkriminellen Schnellballsystem "kleiner
Straßenganoven" zu übersehen. Der Unterschied zwischen den
undurchsichtlichen Finanzprodukten und dem Schneeballsystem besteht
aber vor allem darin, dass letzteres als Betrug von der
Staatsanwaltschaft konsequent verfolgt wird, während den
Produktentwicklern und - vertreibern bisher versuchter und
praktizierter Betrug nur in Ausnahmefällen strafrechtlich zur Last
gelegt wurde.
"... Wo waren SEC und
Notenbank in den vergangenen Jahren? Wie konnten sie es
zulassen, dass die Banken einen großen Teil ihrer Kredite in ein
obskures Schattenreich außerhalb der Bilanz verlagerten? Wie
konnten
sie es hinnehmen, dass die Banken mit Finanzinstrumenten zockten, die
derart gefährlich sind für das Weltfinanzsystem?... " fragt "Die Süddeutsche"
unlängst im Finanzteil ihres Onlineauftrittes - Fragen, die
möglicherweise mittlerweile nicht mehr blos für die USA
gestellt werden müssen, sondern sinngemäß auch für
die Bundesrepublik zutreffen dürften?
Wenige Tage nach dem 14. September wurde in der Bundesrepublik von den
privaten Banken noch vollmundig getönt, es wären weitgehend
nur öffentlich-rechtliche Geldinstitute in Deutschland, die von
der Krise betroffen seien. Die privaten Banken ständen dagegen überwiegend sicher da
und hätten darüber hinaus entsprechend Eigenvorsorge
getroffen, um strauchelnde Privatbanken aufzufangen. Nicht einmal eine
Woche konnte diese Aussage aufrecht erhalten werden, wie Hypo Real
Estate schmerzhaft aufzeigte. Gerade einmal ca. ein Drittel fangen die
privaten Banken auf. Welche Leichen werden in den nächsten Tagen
noch folgen?
Über solch "heroischen" Rettungsaktionen sollte die
Öffentlichkeit nicht zulassen, dass die Frage der
Verantwortlichkeiten in den Hintergrund gerät. Angesichts der
Größenordnungen des Schadens auch für die deutsche
Volkswirtschaft dürfte
es neben dem
Verhindern des Schlimmsten genauso darauf ankommen, jetzt
schnellstmöglich zu ermitteln, ob es "einfaches" Versagen oder
krimminelles Handeln war, was nun die Steuerzahler und die
mittelständische Wirtschaft auszubaden haben.
"Warum haben eigentlich
die Aufsichtsgremien so versagt?" ... "Wieso hat keiner der
Aufsichtsräte gegengesteuert?" ... "Wo waren die
Aufsichtsbehörden?" ... "Warum hört man nichts von
Hausdurchsuchungen und Ermittlungsverfahren gegen hohe Finanzmanager
und Aufsichtsratsmitglieder?" ... "Die Kleinen hängt man, die
Großen bekommen Abfindungen." ... "Wenn der Normalbürger
seine Steuern zu spät oder versehentlich nicht ganz richtig
bezahlt, bekommt er Strafbefehle und und und ... die Bänker
kassieren dagegen weiterhin ihr stolzes Gehalt."
Diese und ähnliche Fragen und Aussagen - wie man sie heute
tagtäglich vom "Otto-Normalbürger" auf der Straße
hört - können sich langfristig womöglich als der viel
schlimmere Schaden erweisen, stellen sie doch das Funtionieren der
Aufsichtsbehörden und Justiz - ja gar generell der Gewaltenteilung
und der Demokratie - grundlegend in Frage. Es dürfte wohl nur eine
Frage der Zeit sein, wann radikale politische Strömungen ihre
schmutzigen Finger genüsslich in dieser Wunde weiden.
Eine Krise
ist immer auch eine Chance
Es
dürfte außer Frage stehen, dass der Steuerzahler die
Bankenkrise ausbaden muß. Die Frage ist eigentlich nur noch: Wie
hoch ist der Preis?
Wenn wir keine Verantwortlichkeiten klären und hieraus
Konsequenzen ziehen, wer wird dann noch Vertrauen in das Funktionieren
der Gewaltenteilung und Demokratie haben?
Wenn wir die Profiteure sowie die verantwortlichen Manager und
Aufsichtsratsmitglieder weitgehend ungeschoren davon kommen lassen,
dafür aber im Sozialen, bei der Bildung oder ähnlich
wichtigen Bereichen zur Ersatzfinanzierung große Abstriche machen
sollten, ist da nicht zu befürchten, dass bei großen Teilen
dieser Gesellschaft das Vertrauen in die Politik und diesen Staat
weitgehend vollständig verschwindet? Was haben wir dann dem
Radikalismus noch entgegen zusetzen?
Sollte die Krise dazu dienen
können, Deutschland vom Wahn unregulierter Märkte und dem
derzeit zelebrierten Neoliberalismus zu befreien, den Blick wieder
für die Konrad Adenauer gestaltete
soziale Marktwirtschaft zu öffnen, hätte dies auch
etwas Gutes.
Es wäre eine Rückbesinnung darauf, was einmal
gesellschaftlicher Konsens in dieser Bundesrepublik war - eine
Rückbesinnung aber auch darauf, was ihr einstmals wirkliche
Stärke verschaffte ... Werterwirtschaftung über Arbeit ....
Arbeit, mit der die Menschen auskömmlich ihren Unterhalt
bestreiten können.
Quellen:
- Die Süddeutsche
- Wikipedia