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Montag, 29.09.2008  

Deutsche Bank - Fiale Chemnitz / Foto: a.m.Gier, Geiz, Neid -                                               Eine Bankenkrise erschüttert die Welt !

von Andreas Peter Müller | (c) Chemnitz-Report! Unabhängiges Journal aus Chemnitz! | 29.09.2008


Lange wurde schon davor gewarnt ...  jetzt ist die Blase geplatzt !

Es ist eine Geschichte von Gier und Geiz, sowohl seitens der Manager als auch der Kunden. Für unanständig hohe Renditen wurden alle Skrupel und gesunden Instinkte fallen gelassen. Es ist aber auch eine Geschichte über blindes Vertrauen in eine stets korekte Arbeit von Aufsichtsbehörden und in die opferlose Selbstregulierung des Marktes.

Lang, lang ist es her .......
Es waren die goldenen Zwanziger. Der Krieg war vorbei. Die Konjunktur boomte. Immer modernere Fabriken und Organisationsformen der Produktion hielten Einzug. Ausgestattet mit Maschinen und nach dem Fließband-Prinzip arbeitend hatten sie die Einzel- und Handfertigung in Manufakturen weitgehend vollständig abgelöst.
Autos übten sich gerade in der erfolgreichen Emanzipierung von der Pferdekutsche
. Das Radio eroberte die Herzen der Menschen.
Die moderne industrielle Technik hatte endgültig alle Bereiche des Lebens systematisch erfasst, war zum Fundament einer ganzheitlichen modernen Lebensversorgung geworden. Die USA wähnte sich in einem neuen Zeitalter, einem Zeitalter
immer währenden Wohlstands.
1925 kam der erste große Rückschlag. Der Immobilienboom in den USA erfuhr einen Crash. Waren der Wert von Häusern und Grundstücken bisher ständig kräftig gestiegen, so rutschten die Preise nunmehr "schlagartig" gravierend ab. Unerwartet und nicht voraussehbar?
Wohl eher nicht? War es nicht eher eine Geschichte von
Gier, von Überschwang und von Überheblichkeit?
Wieso sah niemand die Gefahren oder wieso warnte niemand davor, wenn er sie doch gesehen haben sollte? Worauf begründete sich die damalige Überzeugung, dass
das amerikanische Wirtschaftsmodell nahezu perfekt sei und niemand sich zu sorgen schien, dass das ganze Finanzgebilde zusammenbrechen könnte?
Der Absturz am Immobilienmarkt war nur der Auftakt zur eigentlichen Krise. Die große Einsicht brachte der Crash allerdings nicht.
Wieso vertraute man trotz dieser Alarmzeichen weiterhin darauf,
dass sich Geld beliebig vermehren lässt? Wieso begeisterte man sich weiter für die Börse und steckte sein Geld in undurchsichtige Fonds? Wieso versicherte noch wenige Tage vor dem großen Crash im Jahre 1929 einer der führenden Wirtschaftswissenschaftler der USA, Irving Fisher, die Aktienkurse hätten "ein dauerhaft hohes Niveau erreicht"? Wieso verkündete der der damalige Präsident der USA großspurig "Wir sind dem endgültigen Sieg über die Armut heute näher als je zuvor in unserer Geschichte."? Hat man die Realitäten tatsächlich einfach verdrängt?
Die Folgen waren dramatischer, als man sich damals in den schlimmsten Alpträumen vorstellen konnte: Zunächst eine verheerende Weltwirtschaftskrise. Im Zuge schier unfassbarer Verarmung breiter Bevölkerungsschichten radikalisierten sich die Gesellschaftsordnungen weltweit zunehmend. Links- und Rechtsextremismus erlebte eine nie dagewesene "Blütezeit", welche dann fast unvermeidbar im 2. Weltkrieg sein dramatischen Höhepunkt fand.
Erklärend wird gern ins Feld geführt, dass 1929 die Aufsichtsbehörden noch nicht existent oder nur schwach gewesen waren. Die Börsenaufsicht SEC wurde gar erst als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise geschaffen. Auch war es sicher aus heutiger Sicht ein Fehler, dass die US-Notenbank, um Stärke zu beweisen, damals das Geld verknappt hatte, anstatt es zu verbilligen.

....... gewesen
Viel Zeit ist seitdem vergangen. Auch der Immobliencrash in Japan in den neunziger Jahren scheint mittlerweile ewig her und für weiter Lehren untauglich zu sein.
Wieder wähnte sich die USA auf dem Weg in ein neues Zeitalter. Raumfahrt,
Computer, Software, Internet, Hochtechnologien, wirtschaftliche, finanzielle und militärische Stärke ... es schien keine Grenzen mehr zu geben.
Wieder lebten die Amerikaner über Jahrzehnte hinweg auf Pump.
Wieder stiegen die Immoblienpreise ständig und wieder vertraute man nahezu ohne Einschränkung darauf, dass sich Geld beliebig vermehren lässt? Wieder wähnten sich die USA in einer Phase des immerwährenden Wohlstands, unterstützt von "neoliberalen Politikern auf der ganzen Welt, die das parisitär anmutende System der USA glorifizierten und dabei übersahen - oder übersehen wollten - dass die USA hierfür mit ihrer Maßlosigkeit den Rest der Welt als Geisel genommen haben, dass die Welt das Leben und die Finanzexzesse in den USA finanzierten.
Weder die Menschen in den USA noch die Finanzakteure aus aller Welt scheerten sich darum, ob die USA und ihre Bürger ihre Schulden noch bezahlen können.
Das diese Schuldenwirtschaft einmal zusammen brechen muß, sprachen nur sehr wenige an. Wirklich Gehör fanden sie jedoch nicht im Rausch von Gier und Geiz.
Dann kam der 14. September 2008 und das Beben an der Wall Street begann.

Warnzeichen gab es wohl,  ..... 
Hat es denn keine Anzeichen für dieses Beben gegeben, überhaupt nichts, was hierauf hin deutete? Oh ja, die hat es wahrlich genug gegeben, doch so fern sie nicht im Börsengeschrei untergingen, wer wollte sie wirklich hören, wo doch Gewinne in unanständiger Höhe lockten, wo Millionen von Menschen ihr Leben auf dieser Blase aufgebaut hatten?
Zunächst hätten wohl erst einmal die Parallelen zu 1929 stutzig machen müssen. Aber das Vertrauen in die Bankenaufsicht war wohl genauso groß wie deren Versagen.
Eine Geldverknappung war zudem nicht geplant. Aber dies als weitgehend einzige Lehre aus dem Chrash von 1929 zu sehen, greift das nicht ohnehin zu kurz?
Niemand schrie auf, als die Fonds immer dubioser, Finanzprodukte immer unverständlicher und riskanter wurden. Wo wa die Banenaufsicht? Wo waren die mahnenden Artikel- und Beitragswellen der sonst so schnell den "Finger in die Wunde legenden" Medien?
Spätestens ab 2002 mehrten sich Erkenntnisse über massive Bilanzfälschungen bei großen und renomierten US-Firmen. Nicht etwa als Einzelfälle. Doch auch dies schien - mit Ausnahme von Spanien - weltweit scheinbar niemand zu beunruhigen.
Als 2007 die ersten Banken strauchelten hätte man aufhorchen müssen. Doch schnell verschwand der Blick für die große Gefahr im kleinkarierten Provinz-Polit-Scharmüzel um Posten und Pöstchen, um Zuordnung und Drücken vor Verantwortung, sowie um Unwissen und Unkenntnis. Schnell war der Blick für die nahende Katastrophe vom Slogan der Einzelfall-Logik wieder verstellt.
Vergessen und Verdrängen prägten den Weg der Gier.

..... aber wer wollte diese schon hören  ?
Statt die Lehre aus Sachsenbank & Co zu ziehen, wurde - wie ein Kaninchen vor der Schlange hockend - weiter in einen längst verbrannten Markt investiert. Niemand machte sich im Rausch gigantischer Profite und Renditen Gedanken, wo diese herkamen, wer wann die Zeche zahlen wird - weder die involvierten Finanzmanager noch die in Fonds investiernden Kunden.
Skrupelos wurden die Finanzprodukte immer komplizierter und unverständlicher gestaltet, damit niemand sie mehr verstehe. Konzerne stiegen im Kurs, wenn sie Arbeitskräfte  - und damit die Arbeit als eigentliche Quelle der Wertschöpfung - abbauten.
Sich gegen den Trend gerichtete Wertungen haben sich nicht durchgesetzen können und so konnte sich die gefährliche Entwicklung immerhin weitere fünf Jahre zuspitzen. Fünf Jahre, in denen man gute Provisionen verdient und für die Bank Gewinne erzielt hat. Fünf Jahre, in denen man mit "verbundenen Augen" in scheinbar vollständiger Verdrängung der Folgen jegliche Skrupel fallen lassend immer schneller auf den Absturz zuzusteuern schien.
Scheinbar nur wenige Banker brachten ab 2002 den Mut auf, von dieser Rakete nach oben abzuspringen, als Gewahr wurde, dass dieses Flugobjekt keine Chancen auf eine sichere Landung mehr hatte. Die Übrigen blieben an Bord in der trügerischen Hoffnung vereint, dass - wenn schon keine sichere Landung möglich ist - der Flug doch ewig dauern könnte. Es war eine kurzsichtige - scheinbar nur am hier und heute sich orientierende - Finanzpolitik nach dem Motto "Wir halten durch, bis zum letzten Cent, egal wie hoch die späteren Verluste sind!"
In der Politik wurden die USA weiter zum großen Vorbild hochstilisiert. Selbst in Deutschland wurde im US-$-Rausch eine der wichtigsten Säulen der Nachkriegsgesellschaft in Frage gestellt. Die soziale Säule erfuhr beginnend mit Bundeskanzler Gerhard Schröder und fortgesetzt von der heutigen großen Koalition eine permanente Demontage zugunsten einer "freien" Marktwirtschaft wie in den USA. Statt auf das Erfolgreiche aufzubauen und sich Verbündete zu suchen, um das im Fieber befindliche Amerika zu heilen, warf man alle "Medikamente" über Bord und zelebrierte selbst "Ansteckungsorgien", wie man es in den alten Bundesländern bei Gegnern der vorbeugenden Schutzimpfungen zum Teil von den Masern- und Windpocken-Partys kennt.
Wie sich die Prämissen geändert haben, kann man auch daran erahnen, wie schnell und problemlos der Bund mit Finanzspritzen für angeschlagene Banken zur Hand ist, während wir über Hartz-IV-Höhen Jahre lang diskutieren, wie Finanzmanager Abfindungen erhalten, während wir Harz-Empfänger zunehmend medial zu kriminalisieren scheinen. Allein für die Summe, welche jetzt aus Steuergeldern in die private Hypo Rel Estate gepumpt wird - entschieden innerhalb von ein ... zwei Tagen - würde ungefähr ausreichen, um alle Harz-Kosten eines Jahres deutschlandweit zu decken.

Versagen oder krimminelle Energie ?
Wenn sich heute große Finanzmanager, wie der Ex-Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Hilmar Kopper, öffentlich dahingehend äußern, dass man Produkte nicht kauft, die man nicht versteht und somit auch die Kunden selbst Schuld an der Misere hätten, trifft dies durchaus zu. Ob die führende Finanzwelt derzeit jedoch mit solch klugen Aussagen glänzen sollte, dürfte angesichts des massiven Versagens sehr umstritten sein. Analog wie bei einer Mausefalle, wurden saftige Köder ausgelegt. Hier wie da schlug die Falle zu, als der Köder geschluckt war.
Es dürfte schon schwer fallen, bei dieser Vorgehensweise Ähnlichkeiten zum hochkriminellen Schnellballsystem "kleiner Straßenganoven" zu übersehen. Der Unterschied zwischen den undurchsichtlichen Finanzprodukten und dem Schneeballsystem besteht aber vor allem darin, dass letzteres als Betrug von der Staatsanwaltschaft konsequent verfolgt wird, während den Produktentwicklern und - vertreibern bisher versuchter und praktizierter Betrug nur in Ausnahmefällen strafrechtlich zur Last gelegt wurde.
"... Wo waren SEC und Notenbank in den vergangenen Jahren?
Wie konnten sie es zulassen, dass die Banken einen großen Teil ihrer Kredite in ein obskures Schattenreich außerhalb der Bilanz verlagerten? Wie konnten sie es hinnehmen, dass die Banken mit Finanzinstrumenten zockten, die derart gefährlich sind für das Weltfinanzsystem?... " fragt "Die Süddeutsche" unlängst im Finanzteil ihres Onlineauftrittes - Fragen, die möglicherweise mittlerweile nicht mehr blos für die USA gestellt werden müssen, sondern sinngemäß auch für die Bundesrepublik zutreffen dürften?
Wenige Tage nach dem 14. September wurde in der Bundesrepublik von den privaten Banken noch vollmundig getönt, es wären weitgehend nur öffentlich-rechtliche Geldinstitute in Deutschland, die von der Krise betroffen seien. Die privaten Banken ständen dagegen
überwiegend sicher da und hätten darüber hinaus entsprechend Eigenvorsorge getroffen, um strauchelnde Privatbanken aufzufangen. Nicht einmal eine Woche konnte diese Aussage aufrecht erhalten werden, wie Hypo Real Estate schmerzhaft aufzeigte. Gerade einmal ca. ein Drittel fangen die privaten Banken auf. Welche Leichen werden in den nächsten Tagen noch folgen?
Über solch "heroischen" Rettungsaktionen sollte die Öffentlichkeit nicht zulassen, dass die Frage der Verantwortlichkeiten in den Hintergrund gerät. Angesichts der Größenordnungen des Schadens auch für die deutsche Volkswirtschaft
dürfte es neben dem Verhindern des Schlimmsten genauso darauf ankommen, jetzt schnellstmöglich zu ermitteln, ob es "einfaches" Versagen oder krimminelles Handeln war, was nun die Steuerzahler und die mittelständische Wirtschaft auszubaden haben.
"Warum haben eigentlich die Aufsichtsgremien so versagt?" ... "Wieso hat keiner der Aufsichtsräte gegengesteuert?" ... "Wo waren die Aufsichtsbehörden?" ... "Warum hört man nichts von Hausdurchsuchungen und Ermittlungsverfahren gegen hohe Finanzmanager und Aufsichtsratsmitglieder?" ... "Die Kleinen hängt man, die Großen bekommen Abfindungen." ... "Wenn der Normalbürger seine Steuern zu spät oder versehentlich nicht ganz richtig bezahlt, bekommt er Strafbefehle und und und ... die Bänker kassieren dagegen weiterhin ihr stolzes Gehalt."
Diese und ähnliche Fragen und Aussagen - wie man sie heute tagtäglich vom "Otto-Normalbürger" auf der Straße hört - können sich langfristig womöglich als der viel schlimmere Schaden erweisen, stellen sie doch das Funtionieren der Aufsichtsbehörden und Justiz - ja gar generell der Gewaltenteilung und der Demokratie - grundlegend in Frage. Es dürfte wohl nur eine Frage der Zeit sein, wann radikale politische Strömungen ihre schmutzigen Finger genüsslich in dieser Wunde weiden.

Eine Krise ist immer auch eine Chance
Es dürfte außer Frage stehen, dass der Steuerzahler die Bankenkrise ausbaden muß. Die Frage ist eigentlich nur noch: Wie hoch ist der Preis?
Wenn wir keine Verantwortlichkeiten klären und hieraus Konsequenzen ziehen, wer wird dann noch Vertrauen in das Funktionieren der Gewaltenteilung und Demokratie haben?
Wenn wir die Profiteure sowie die verantwortlichen Manager und Aufsichtsratsmitglieder weitgehend ungeschoren davon kommen lassen, dafür aber im Sozialen, bei der Bildung oder ähnlich wichtigen Bereichen zur Ersatzfinanzierung große Abstriche machen sollten, ist da nicht zu befürchten, dass bei großen Teilen dieser Gesellschaft das Vertrauen in die Politik und diesen Staat weitgehend vollständig verschwindet? Was haben wir dann dem Radikalismus noch entgegen zusetzen?
Sollte die Krise dazu dienen können, Deutschland vom Wahn unregulierter Märkte und dem derzeit zelebrierten Neoliberalismus zu befreien, den Blick wieder für die Konrad Adenauer gestaltete soziale Marktwirtschaft zu öffnen, hätte dies auch etwas Gutes.
Es wäre eine Rückbesinnung darauf, was einmal gesellschaftlicher Konsens in dieser Bundesrepublik war - eine Rückbesinnung aber auch darauf, was ihr einstmals wirkliche Stärke verschaffte ... Werterwirtschaftung über Arbeit .... Arbeit, mit der die Menschen auskömmlich ihren Unterhalt bestreiten können.

 




Quellen:
- Die Süddeutsche

- Wikipedia


 Veröffentlicht am Montag, 29. September 2008 in: | Chemnitz-Report!
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