Eine (West-?)Legende
vom verklärten "Ossi" - Wollen die Ostdeutschen die DDR
zurück?
von
Andreas Peter Müller | (c) Chemnitz-Report! Unabhängiges
Journal aus Chemnitz! | 30.09.2008
Ist
die die Mauer zwischen Ost und West 20 Jahre nach der Wende höher
und unüberwindlicher als je zuvor?
Die Gefahr
aus dem Osten
"Das
Wissen vieler Jugendlicher über die DDR ist erschreckend schlecht,
Eltern und Lehrer verklären die Diktatur. Das war das Ergebnis
einer Studie der FU Berlin." ... "Ostdeutsche verteidigen Stasi
und ZK" ... Dieses und ähnliches kann man derzeit in der
bundesdeutschen Presse lesen. (Quelle: WELT ONLINE)
Um "Otto-Normalbürger" die Gefahr noch richtig zu verbildlichen,
wird das Ganze in einem Artikel mit einem großen bunten Foto
untermalt, welches unter den Symbolen der DDR-Jugend "marschierende"
Kinder in Pionierkleidung zu zeigen scheint. Unter dem Bild ist zu
lesen:
"7. September 2008: Kinder
marschieren in DDR-Pionierkleidung durch das
sächsische Grimma. In der Ex-DDR wird das Regime von vielen
verklärt."
Großzügig wird darüber hinweg gegangen, das es sich
hierbei um den völlig
unpolitischen, historischen Festumzug zum
Tag
der Sachsen [1]
handelt, bei
dem traditionell jedes Jahr die wechselhafte Geschichte des Freistaates
Sachsen dargestellt wird.
Man kann sich beim Lesen und
Betrachten der Artikel nebst Bilder nur
schwer des Gefühls erwehren, hier solle
der Eindruck erzeugt werden, dass es sich um eine Gruppe radikaler
Linker oder verklärter Alt- und Jungkader handle, die in Nostalgie
für Pionier-, FDJ- und Partei-Nachmittage schwelgen.
Die Aufmachung und Intention erinnert gefährlich an die
demagogischen Beiträge des "Schwarzen Kanals" eines Herrn von
Schnitzler. Diesmal aber stehen nicht die "bösen" Westmedien und
der "Klassenfeind" im Westen am Pranger, nein diesmal geht es um (oder
gegen?) die scheinbar "unbelehrbaren" Mitbürger im Osten.
Nach Beiträgen wie "Im Osten bleibt nur der dumme Rest" und
solchen, die Ostdeutsche wegen "fehlender Indentität" als
besonders anfällig für Rechts- und Linksradikalismus
erklären, erreicht die "Aufarbeitung" der Ostgeschichte mit
dieser Welle einen neuen gefährlichen Tiefpunkt.
Immer mehr Menschen im Osten fühlen sich hiervon bevormundet,
entmündigt, degradiert und gedemütigt.
Die
neuen Missionare
Eine Frage drängt sich in diesem Zusammenhang
regelrecht auf: Warum gerade jetzt - 20 Jahre nach der Wende -
plötzlich so ein missionarischer Eifer westlicher "Gralsritter"
der "wahren und einzigen" Demokratie, "musikalisch" unterstützt
vom Fußvolk verbal aufgerüsteter "Blockflöten [2]" ... und
warum teilweise auf eine so dümmlich anmutende Art, dass sie
vernünftig denkende Menschen ja regelrecht vor den Kopf
stoßen muss?
Die DDR war eine Diktatur und sie war wegen der Verfehlungen von
Teilen der SED, der Staatssicherheit und Justiz auch ein Unrechtsstaat.
Die Bürger des Osten sind auf die Straße gegangen unter dem
Risiko ihrer Gesundheit und ihres Lebens, weil sie dies erkannt hatten
und das Regime abschütteln wollten. Weltweit wurde ihnen
hierfür Anerkennung zugesprochen.
Heute jedoch scheint man den Menschen im Osten nicht mehr zuzubiligen
wollen,
Unrecht erkennen zu können. Menschen westlicher Geburt, die nie
mit dem DDR-Unrecht gelebt haben, sind nun der Meinung, sie
wüßten
heute "besser" Bescheid als die Menschen, die tatsächlich in der
DDR lebten und sie wüßten auch besser, welchem Unrecht diese
ausgesetzt waren, als jene Menschen, die es tatsächlich erlebten.
Offenbar wissen sie auch heute irgendwie besser, was die Menschen
damals wollten, als diese Menschen seinerzeit es selbst wußten
und vielleicht noch heute wissen.
Im unerschütterlichen "Glauben" daran, dass sie die Gnade der
westlichen Geburt dazu befähigt und berechtigt -sozusagen als
Vertreter
der einzig wahren Form von Demokratie und Rechtsstaat - knüppeln
die selbsternannten "Gralsritter" mit scheinbar schier
unerschöpflichen missionarischen Eifer verbal auf Menschen mit
einer anderen Vergangenheit und anderer Lebenssicht ein, geißeln
sie
die "geistigen Exzesse differenzierter Betrachtung der DDR", stempeln
sie selbst fest auf dem Boden von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit
stehende kritische Ostdeutsche pauschal zu "linken Radikalinskis mit Grundzügen
der russischen Räterepublik" ab, um sie danach auf dem
Scheiterhaufen der Geschichte zu verbrennen.
Die Einstufung als
"Linker Radikalinski" [3] machen sie nicht etwa
notwendiger Weise an einer Sympathiebekundung oder Zugehörigkeit
zu der Partei "Die Linken" oder der Diktatur fest. Hierfür kann
Ihnen durchaus
auch schon die
aktive Wahrnehmung ganz normaler demokratischer und
rechtsstaatlicher Mittel als ausreichend erscheinen.
"Da die DDR eine
Diktatur
und ein Unrechtsstaat war, ist nichts - aber wirklich auch gar nichts -
Gutes in jener Zeit möglich gewesen!"
Eine
der Grundthesen dieser "Missionare" ist, da die DDR eine Diktatur und
ein Unrechtsstaat war, ist nichts - aber wirklich auch gar nichts -
Gutes in jener Zeit möglich gewesen. Doch verkennen sie da nicht
unbewusst (oder gar bewusst) etwas?
Die DDR war möglicherweise, trotz Diktatur, trotz dem
Fehlverhalten der politischen "Elite" und trotz der wirtschaftlichen
Schwäche ein Staat, der Menschen zu sozialerem Wesen erzog, der
hohe humanistische Werte lehrte und der Menschen genau in diesem Sinne
prägte. Das mag für Menschen, welche außerhalb der DDR
aufwuchsen, paradox, ketzerisch und verklärt klingen, aber
deswegen muß dies noch nicht falsch sein.
Außerhalb Deutschlands gibt es viele Länder, die das Bildungs- und
Kinderbetreuungssystems der DDR immer noch kopieren - natürlich ohne die
politische
Idoktrinierung!
Wenn in Ostdeutschland jedoch jemand die Vorteile
dessen anspricht, macht er sich schon "verdächtig". Wenn er gar
noch anregt, zu prüfen, ob und welche Bestandteile des
DDR-Bildungs- und Kinderbetreuungssystems in einer Demokratie
nutzbringend und zielführend praktiziert werden könnten, dann
begeht er einen "Tabubruch" und macht sich "schuldig" der
Verklärung einer Diktatur.
"Die
Menschen im Osten sind vom DDR-Staat daran gewöhnt worden, dass er
sich um alles kümmert und deswegen nehmen sie die Versorgung durch
den Staat als selbstverständlich hin."
Eine weitere Grundthese, zumeist
im Zusammenhang mit
der hohen Anzahl von Hartz-IV-Empfängern im Osten lautet
sinngemäß, die Menschen im Osten sind vom DDR-Staat daran
gewöhnt worden, dass er sich um alles kümmert und deswegen
nehmen sie die Versorgung durch den Staat als selbstverständlich
hin.
Hierbei wird nicht selten unterstellt, die Menschen im Osten seien zu
unflexibel, wöllten nicht arbeiten, sondern arangierten sich
lieber mit Harz-IV. Dies sei so, weil man ja ohnehin gewöhnt sei,
vom Staat versorgt zu werden bzw. dass er sich um alles kümmerte
und man deswegen die Versorgung durch den Staat als
selbstverständlich hinnehme.
Dabei dürfte möglicherweise völlig verkannt werden, dass
zu DDR-Zeiten weitgehend alle
arbeiteten und sich
selbst versorgen mussten, ja es de facto für arbeitsfähige
Menschen gar keine Möglichkeit gab, ohne Arbeit auf Kosten des
Staates zu leben.
Darüber hinaus dürfte ebenfalls völlig verkannt werden -
oder möglicherweise gar unbekannt sein - wie die Bürger der
DDR notwendiger
Weise die vorhandenen Versorgungslücken durch eigene Findigkeit und Aktivitäten kompensieren [4]
mussten.
Die Logik, dass jemand dadurch zum "Leben auf Staatskosten"
erzogen worden sein solle, dass er dies bisher nicht konnte, da er i.d.R. keine
Möglichkeit hatte, seinen Unterhalt anders als durch eigene Arbeit selbst zu erwirtschaften und
für eine erträgliche Deckung der eigenen Versorgung sogar noch über das
eigentliche Arbeitsverhältnis hinaus auf Eigeninitiative
angewiesen war,
dürfte sich einem Ostbürger kaum
erschließen können. Ob sich diese Logik wenigstens den
Verfassern
und Verbreitern dieser These wirklich selbst erschließt,
dürfte
genügend Raum für Zweifel bieten.
Dass i.d.R. der Staat die Löhne zahlte, sollte wegen der anders
gearteten Volkswirtschaft aber nicht darüber
hinwegtäuschen, dass es sich hierbei nicht um "Almosen" handelte,
sondern die Menschen in der DDR die Löhne durch Arbeit verdienten
(Leistung-Gegenleistung-Prinzip) und hier nur der Staat die
Arbeitgeberfuntion übernahm.
Weil die Menschen in der DDR nicht zuletzt gerade aus diesem Grund den
Erwerb ihres Einkommens aus Arbeit als etwas ganz
Selbstverständliches
ansahen und andere Einnahmemöglichkeiten und ein Leben auf
"Stütze" kaum
oder gar nicht
kannten, leiden sie besonders darunter, wenn sie heute von Hartz-IV
"leben", sich vor den Ämtern entblösen
müssen und nicht arbeiten können, weil einfach nicht
genügend Arbeit da ist.
Diese vor Hohn triefende These
dürfte gerade deshalb für viele Menschen im Osten wie ein
Nachtreten gegen
einen bereits zusammengeschlagen am Boden liegenden Menschen empfunden werden.
"Das
Wissen vieler Jugendlicher über die DDR ist erschreckend schlecht,
Eltern und Lehrer verklären die Diktatur."
Mit dem
Slogan, dass das
Wissen vieler Jugendlicher über die DDR
erschreckend schlecht sei, wird von dem "Missionaren gefordert, die
Lehrpläne zu überarbeiten und dass Thema DDR "angemessener"
in der Schule zu behandeln.
Hier drängen sich bei etwas tieferer Beschäftigung mit der
These gleich mehrere Fragen auf.
Zunächst ist das Bildungssystem der Ostländer, wie viele
andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens hier, in den
(politischen) Führungsebenenen von Menschen dominiert, welche nach
der Wende aus
dem Westen in den Osten kamen. Diese haben sowohl die Struktur des
Bildungssystems geprägt, als auch die Lerninhalte.
Wenn nun
festgestellt wird, dass das "System DDR" nicht "angemessen"
behandelt würde, wer trägt dann hierfür die
Verantwortung?
Doch wohl nicht Lehrer und Eltern, welche nur den
vorgegebenen Stoff verarbeiten bzw. wenn er gar fehlt, auch nicht
ersatzweise vermitteln können?
In der Bundesrepublik Deutschland scheint der gesellschaftspolitische
Lehrstoff weit weniger frei von politischer Indoktrinierung zu sein,
als allgemein angenommen. Die bereits mehrmalige grundlegende Überarbeitung der Lehrmeinung
zur DDR [5]
entsprechend den politischen Auffassungen und Zielen der jeweils
regierenden Parteien dürfte zumindest berechtigte Zweifel an einem
von politischer
Indoktrinierung
freien Lehrstoff legitim erscheinen lassen.
Die
Frage ist jetzt: Wie kann eine so oft und in Abhängigkeit vom
politischen Tagesgeschehen wechselnde Lehrmeinung ernsthaft auch nur
halbwegs als
verbindlich angesehen werden?
In der DDR hat man notwendigerweise lernen müssen, sich ein sein
eigenes Bild zu machen: Man wusste einfach, dass das öffentlich
vermittelte Bild politisch geprägt und verklärt war.
Menschen, die gelernt haben, selbst zu prüfen und sebst zu
bewerten, muss es dann aber geradezu lächerlich vorkommen, wenn
sie nach eigener innerer Außeinandersetzung mit einer
allumassenden Regime-Meinung jetzt eine sich ständig
wechselnde, aber ebenfalls parteienabhängige Meinung widerspruchs-
und diskussionslos überstülpen lassen sollen.
Vielleicht ist nicht das Wissen der Ostbürger über die DDR
schlecht, sondern das der Westbürger? Ist vielleicht die
Sicht von "außen" zu sehr "politisch motiviert"? Könnte bei der
Beurteilung der DDR nicht das Eingehen auf
die unzähligen Grauttöne zwischen dem Schwarz-Weiß
eventuell richtiger sein?
Oder
darf man als Demokrat solche Fragen möglicherweise gar nicht
mehr stellen?
In der DDR haben die Menschen gelernt, dass man nicht jeden Lehrstoff
für die Lebensgestaltung nutzen kann. Insbesondere große
Teile des gesellschaftspolitischen Unterrichts in der DDR wurden
innerlich abgelehnt und nur für die Prüfung auswendig
gelernt, um ihn dann dann ganz, ganz schnell wieder
zu vergessen!
Für die eigenen Denkweisen und Handlungen außerhalb der
Schule dürften diese Lehrmeinungen in der Regel keine allzu hohe
Relevanz besessen haben.
Was wäre wohl die logische Folge, wenn die Ostdeutschen pauschales
"Schubladendenken" und vorgegebene Meinungen und Sichtweisen heutiger
Lehrpläne möglicherweise ähnlich einstufen würden?
Der
goldene Westen und sein Status Quo
Der Westen Deutschlands war bis zur Wende ein Staat,
welcher in hervorragender Weise Marktwirtschaft und Soziales
verband. Zu dieser Zeit konnte man getrost sagen, die Erweiterung der Definition
des Rechtsstaates [6]
um den Rechtsmateriellen Rechtsstaatsbegriff war
gerechtfertigt und die Bundesrepublik sowohl in formeller als auch
in materieller Hinsicht ein Rechtsstaat.
Deswegen war es für viele derjenigen, die im Osten auf die
Straße gingen, durchaus denkbar, die Werte nach einer
Wiedervereinigung weiterleben zu
wollen und zu können, welche man sich im Laufe seines Lebens
angeeignet hatte.
Wenn man die heutige Bundesrepublik jedoch mit der damaligen
vergleicht, muss man resigierend feststellen, dass das
Gleichgewicht zwischen Marktwirtschaft und Sozialstaat sich in immer
stärkerem Maße zu Ungunsten des Sozialen verlagert.
Aus der oben genannten Rechtsstaatsdefinition heraus dürfte sich
insbesondere mit der gesamten Harz-IV-Praxis (es gibt wohl nur wenige
Felder, wo so viele Verfahren bei Gerichten anhängig sind und wohl
auch nur wenige Gesetze, welchen von einer Vielzahl der Menschen als
derart ungerecht empfunden werden) durchaus ein berechtigtes
Infragestellen des Rechtsstaates als Einheit von formeller und
materieller Rechtsstaatlichkeit auch in der Bundesrepublik ergeben.
Doch ist diese Infragestellung durch einen Ostbürger
überhaupt legitim? Nach Meinung und Auftreten einiger
"Gralsritter" scheint es dies wohl eher nicht zu sein.
Die "Geiz ist Geil"-Ideologie und die grenzenlose Gier großer
Konzern- und Finanzmanager stehen im krassen Gegensatz zu sozialen und
humanistischen Werten. Klar merken das die Menschen ... die im Osten
und die im Westen. Beide wollen diese Entwicklung nicht, fühlen
sich von der Politik im Stich gelassen. Da wundert es vermutlich wenig,
dass viele in den "missionarischen" Bemühungen nur das Aufbauen
von Feindbildern vermuten - zum Ablenken von eigenem Versagen - und
entsprechend mit Ablehnung reagieren oder jene Bemühungen gänzlich mit Ignoranz
bestrafen.
Wenn man jedoch einen Staat in Frage stellt, der auf dem Gebiet der
materiellen Rechtsstaatlichkeit - trotz der klarene Defizite bei der
formellen Rechtsstaatlichkeit - da und dort eine deutliche
Überlegenheit zu haben scheint, muss dafür selber alles tun,
um die bessere Alternative zu etablieren. Hat dies die
politische Mitte der Bundesrepublik in den letzten 20 Jahren wirklich
zu leisten vermocht?
Angesichts in den Orbit schießender Managergehälter,
mit Kursgewinnen "belohnter" regelmäßiger Massenentlassungen, immer
mehr zunehmender Dauer-
Leiharbeitsverhältnisse statt Festeinstellungen,
Realeinkommensverlusten, immer neuen Abgaben und
Diätenerhöhungen,
einer zunehmenden Verarmung der Mittelschicht und dem ungenierten
Verzocken von
Volksvermögen auf internationalen Finanzmärkten sollte diese
Frage zumindest gestellt werden dürfen.
Sehnsucht
nach sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit
Die
Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit und sozialer Sicherheit
empfinden insbesondere alle die Menschen, die nicht zu die Gewinnern
dieser Gesellschaft gehören. Sie wächst mit der
gefühlten Unsicherheit. Eigentlich menschlich, dass man sich da
auch wieder an die DDR zurückerinnert, wo Zukunfts- und
Existenzangst - zwar erkauft mit politischer Anpassung - als
wesensfremd erlebt wurden.
Will man tatsächlich ernsthaft verhindern, dass Menschen auch
radikalere Systeme hinnehmen, um einen höheren Grad an materieller
Gerechtigkeit zu erlangen, wäre es wahrscheinlich kein Fehler,
sich des ehemals in der
Bundesrepublik existierenden Konsens zu einer akzeptablen sozialen
Gerechtigkeit zu erinnern und diesem wieder stärker Geltung
zu verschaffen. Wer hierbei nicht unbedingt auf Marx und Engels
zurückgreifen will, sollte sich einmal die katholische
Soziallehre [7]
oder die auf ihr aufbauenden ersten Programme der CDU [8] etwas näher zu
Gemüte ziehen. Bei unvoreingenommener
Beschäftigung mit ihr sollten "Erleuchtungen" nicht ausgeschlossen
sein.
Wenn die Bundesrepublik sich weiter von der Sozialen Marktwirtschaft
weg entwickeln sollte, was macht uns dann so sicher, dass nicht
möglicherweise auch in Deutschland ein weiteres Erstarken der
politischen Ränder und eine zunehmende Radikalisierung der
Gesellschaft eines
Tages kein ausschließbares Szenario mehr sein könnte? Das
nicht
nur im Osten, sondern überall dort zuerst, wo die Konflikte am
Größten sind?
Feindbilder, Schuldzuweisungen und ähnliches dürften
darüber hinaus
das Konfliktpotential noch zunehmend anheizen.
Ein bedeutender Philosoph sagte einmal sinngemäß, eine
Gesellschaftsordnung hat solange Bestand, wie sie in der Lage ist, die
ihr eigenen inneren Konflikte zu lösen. Ist sie nicht mehr dazu in
der Lage, wird sie von der nächsten abgelöst. Auch wenn die
Lehren dieses Philosophen heute eher "obsolet" sein dürften, waren
es
gerade konservative Politiker, wie Bismark (Einführung der
Sozialversicherung) und Adenauer (Einführung der Sozialen
Marktwirtschaft), die, weil sie um die Sprengkraft des sozialen
Zündstoffs wussten, den Dampf aus dem sozialen Kessel heraus
nahmen.
Vielleicht sollten wir uns alle hieran einmal erinnern, statt weiter
anzuheizen, zu provozieren und irgendwann den Kessel zum Explodieren zu
bringen.
Menschen
im Osten
Es
waren die Menschen im
Osten, die das Regime gestürzt haben. Niemand anderes. Sie wissen
warum,
da sie hierfür Gesundheit und Leben riskiert haben. Da Alzheimer
keine typische Ostkrankheit zu sein scheint -zumindest war bisher
diesbezüglich noch nichts in der einschlägigen Fachliteratur
zu lesen - kann
man also wohl getrost davon ausgehen, dass die Menschen in den neuen
Bundesländern angesichts der eingegangenen Risiken dies
mit Sicherheit nicht vergessen haben.
Die
überwiegende Mehrheit der Menschen im Osten wünscht sich
keine
Diktatur zurück. Wer dies behauptet, dürfte sich vermutlich
genauso weit von den Realitäten entfernt haben, wie das Regime
der DDR von seinem Volk und seinen eigenen Idealen.
Bezüglich einer "Art Sozialismus als Demokratie" mag dies schon
wieder ganz anders sein. Nicht wenige der Oppositionellen vom Anfang
der friedlichen Revolution wollten einen reformierten demokratischen
Sozialismus als
Leistungsgesellschaft und durchaus mit marktwirtschaftlichen
Komponenten.
Eine Diskussion diesbezüglich mit einem Zurückwollen in eine
Diktatur zu verwechseln, ist schlichtweg fatal. Den Ostdeutschen mit
ihren eigenen Lebenserfahrungen eine eigenständige, von der aus
altbundesländischer Sicht abweichende Bewertung der DDR zu
verwehren, dürfte darüber hinaus eher
von "Siegermentalität" als von einer ur-demokratischen Denkweise
zeugen, denn dazu gehört auch Meinungsfreiheit und die Freiheit
des Denkens.
Ob man in den alten Bundesländern überhaupt von einer
weitgehenden einheitlichen Sichtweise zur DDR sprechen kann,
dürfte schon auf Grund der unterschiedlichen Lehrmeinungen
schwerlich nachweisbar sein.
Die DDR hatte im Gegensatz zum Nationalsozialismus hohe humanistische
und soziale Ideale, auch wenn das Regime diese Werte selbst nicht
achtete und über Rechtsbeugung und Willkür stetig gegen sie
verstieß. Durch diese Ideale wurden die Menschen in der DDR
geprägt, die meisten zum Guten, trotz der Diktatur.
Sollte es nicht genau
deshalb bei der DDR im Gegensatz zum Dritten Reich durchaus
legitim sein, zu sagen: Es war nicht alles schlecht und wir müssen
analysieren, was gut war und wie wir dies nutzbringend für alle in
die demokratische Gesellschaft einbringen können?
Selbstverständlich müssen wir aufklären, was die
Diktatur bedeutet
hat, wie sie funktionierte und wie verwerflich ihre Auswüchse
waren. Selbstverständlich müssen unsere Kinder erfahren, was
Rechtsbeugung und Verfolgung politisch Andersdenkender bedeuten.
Selbstverständlich müssen wir das in der DDR begangene
Unrecht aufarbeiten. Aber kann nicht nur derjenige sauber aufarbeiten und
verhindern, dass
ewig Gestrige das
Unterdrückungsmonopol mit den guten Dingen vermischen um die
Diktatur dadurch zu verniedlichen, der auch gut von verwerflich trennt?
Muß nicht jemand, der pauschalisierend alles verdammt, sich
möglicherweise eines Tages den Vorwurf gefallen lassen, selbst
eine Verklärung begünstigt zu haben? Muß nicht jemand,
der Menschen seine Meinung und Sichtweise aufdrängt und diese als
unmündig für die Beurteilung der Geschichte erklärt,
sich die Frage gefallen lassen, wie er es eigentlich selbst mit der
Demokratie hält?
Anhang mit Erläuterungen und Quellenangaben:
[1] Die historischen Festumzüge sind eine
Aneinanderreihung von ausgestalteten "Bildern" (Wagen, Fahrzeugen,
Personengruppen usw.), welche historische Enwicklungen und regionale
Besonderheiten reflektieren. Dabei sind volkstümliche Trachten und
zeitgenössische Kleidung genauso zu bestaunen, wie historische
Gefährte und neueste Entwicklungen. Der Bogen reicht vom
Kurfürstentum über die Kaiserzeit, die Weimarer Republik
über die Episode der DDR bis hin zur heutigen Zeit. Die Palette
der Teilnehmer aus ganz Sachsen reicht von Mitgliedern aus Heimat-,
Sport- Touristen- und Traditionsvereinen, Naturfreunden, Spielleute aus
Spielmanns- und Fanfarenzügen über Schützengilden,
Bergmannsknappschaften, Handwerkergilden und Trachtengruppen bis hin zu
Motorrad- und Automobilclubs sowie Oldtimerfans. Alle Teilnehmer eint,
dass sie stolz auf den Freistaat Sachsen sind und dies auch zeigen. In
diesen Festumzügen eine Verklärung der DDR sehen zu wollen,
dürfte eher von Intoleranz und gestörter Wahrnehmungsgabe als
von sachgerechter Berichterstattung zeugen.
[2]
Als Blockflöten bezeichnet(e) man vor und nach der Wende gemeinhin Mitglieder der neben der SED im Demokratischen
Block der
Nationalen Front vereinten Parteien in der DDR. Verächtlich wird der Ausdruck
gebraucht, wenn sie die Parolen der SED nachflöteten. Eine
generelle
pauschale Verurteilung einer Mitgliedschaft in einer Blockpartei
erscheint jedoch nach Auffassung der Redaktion wenig sinnvoll, da
durchaus ein Teil der Mitglieder entweder aus Überzeugung (s.h.
auch Katholische Soziallehre, Evangelische Sozialethik, Ahlener
Programm und Düsseldorfer Leitsätze) oder als
Ausweichreaktion auf ein intensives Werben der SED diesen Beitritt
vornahmen. Entscheidend für eine negative oder akzeptierende
Beurteilung sollte demnach die Art ihres Wirkens als Mitglied sein.
[3] Der Herausgeber von Muellers-Seiten! Das Onlinejournal
musste im Jahre 2000 am eigenen Leib erfahren, wie man selbst als
Wertkonservativer in diese Ecke gestellt werden kann, nur weil man in
Wahrnehmung einer Funktion in den gesetzlichen Elternvertretungen bei
dem Bemühen zur Verhinderung von massenhaften
Schulschließungen auch ganz normale demokratische und
rechtsstaatliche Mittel wie eine eigene alterntive Schulnetzplanung
der Elternräte, Bürgerbegehren, Petitionen und
Dienstaufsichtsbeschwerden in Anspruch nahm und offen seine abweichende
Meinung zu dieser Thematik äußerte.
(Quelle: Freie Presse, 2001, Artikel:
"Bürgerbegehren nimmt Formen an")
[4] Die mangelhafte Versorgung
zwang die Bürger der DDR regelrecht zur Eigeninitiative, wenn sie
die Versorgungslücken schließen oder erträglicher
gestalten wollte. Die dabei entwickelte Findigkeit und Fertigkeit war
fast sprichwörtlich und allgegenwärtig. So versuchte man die
Lücken u.a. durch eigene Fleischproduktion, Garten mit Obst- und
Gemüseanbau, "Schwarztaxis", Do-it-yourself bei fast allen
handwerklichen Dingen (vom Auto bis zur Wohnung), Eigenproduktion von
Ersatzteilen, usw. zu schließen. Dieser Punkt ist ein sehr
zetraler Punkt bei der Beurteilung, denn er kennzeichnet gerade das
Gegenteil vom sich ergeben in "Friß oder stirb" bzw. in eine
Versorgung durch den Staat.
[5] So hieß die
Standard-These über die DDR noch in der 67.
Auflage des Schulbuchs "Der Gemeinde-, Staats- und Weltbürger" aus
dem Jahre 1962: "Es ist unbedingt erforderlich die ganze
Verlogenheit, Skrupellosigkeit und Brutalität des kommunistischen
Systems aufzuzeigen." In den Siebziegern
wendete
sich dies ins andere Extrem. So berichtete der Hildesheimer
Geschichtsprofessor Manfred Overesch, dass in einem "großen
deutschen SPD-Bundesland" die Zulassung des Geschichtsbuchs
"Zeitaufnahme" an dem Satz zu scheitern drohte: "Jeder Versuch, zu
einer möglichst vorurteilsfreien ... Bewertung zu gelangen, kann
und darf aber nicht darüber ... hinwegtäuschen, daß die
DDR noch immer Wesensmerkmale ... eines Unrechtsstaates
trägt."
1980 bestimmte gar das
nordrhein-westfälische Kultusministerium, "vorurteilsfrei" und
"objektiv" sollte die DDR
fortan in Schulbüchern behandelt und
möglichst nur aus ihrem "Selbstverständnis"
erklärt
werden. Demnach sollte es Urteile über die DDR, wie sie noch in
den sechziger Jahren des Kalten Krieges üblich waren,
zukünftig im Unterricht nicht mehr geben.
1990 waren
vorwiegend diese Schulbücher im Gebrauch. Selbst der Spiegel
lästerte damals: "... Denn aus
den DDR-Lektionen der westdeutschen Unterrichtsmaterialien lernen
Schüler nicht selten, wie schön es noch gestern im real
existierenden Sozialismus war.".
Ab 1990 wechselte die Beurteilung wieder mehr hin zu einer
ähnlich wie in den 60-er Jahren.
(Quelle: Der Spiegel, 21.05.1990, S. 47 bis 53)
[6] "Ein
Rechtsstaat ist ein Staat, in dem die öffentliche Gewalt an eine
in ihren Grundzügen unabänderliche und im Ganzen auf Dauer
angelegte objektive Wert- und Rechtsordnung gebunden ist. Im Gegensatz
zum absolutistischen Staat wird die Macht des Staates umfassend durch
Gesetze determiniert, um die Bürger vor Willkür zu
schützen (formeller Rechtsstaatsbegriff). Ein Rechtsstaat moderner
Prägung ist darüber hinaus auf die Herstellung und Erhaltung
eines materiell gerechten Zustands gerichtet (materieller
Rechtsstaatsbegriff). Objektive Wertentscheidungen haben – anders als
subjektive Rechte des Einzelnen – die Funktion einer Begrenzung der
Gesetzgebung durch festgeschriebene Prinzipien."
(Quelle:
Wikipedia)
[7] Der Begriff „Katholische Soziallehre (KS)“
entwickelte sich aus der katholisch-sozialen Bewegung in der Mitte des
19. Jahrhunderts, einer Zeit großer Umwälzungen in
Gesellschaft und Arbeitswelt (Industrialisierung). Die damaligen
Wortmeldungen zu
sozialen Fragen sind verbunden mit den Namen Papst
Leo XIII., Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler, Adolf Kolping.
Im 20. Jahrhundert prägten eine Anzahl von päpstlichen
Lehrschreiben (Enzykliken) und die Veröffentlichungen namhafter
Sozialwissenschaftler und engagierter Theologen wie Kardinal Joseph
Cardijn, Josef Kardinal Höffner, Reichsminister Heinrich Brauns,
Prof. Franz Hitze und besonders Pater Oswald von Nell-Breuning SJ das
Bild der Kirche in der Gesellschaft. Hinzu kommen die Aktivitäten
kirchlich gebundener Laiengremien.
Wesentliche Inhalte der Katholischen Soziallehre sind:
- die Sozialverpflichtung des Eigentums,
- soziale und Chancen-Gerechtigkeit,
- Wahrung der Rechte der Frau,
- weltweite Verteilung von Wirtschaftsgütern und Ressourcen,
- Mitverantwortung und Mitbestimmung im Unternehmen,
- der Interessenausgleich zwischen Kapital und Arbeit,
- Schutz der Familie,
- Eigentumsbildung in Arbeitnehmerhand.
- Lohngerechtigkeit
- Pflichten des Staates und Grenzen staatlichen Agierens
Leitbegriffe der KS, die sowohl auf der Heiligen Schrift als auch auf
dem Naturrecht basiert, sind:
-
Personalität (Würde der Person),
-
Subsidiarität (Verantwortlichkeit/Selbsthilfe der kleineren
gesellschaftlichen Einheiten,beginnend bei der Familie)
- Solidarität (mitmenschlicher Zusammenhalt) und
-
Gemeinwohlprinzip.
Die Katholische Soziallehre fordert Gerechtigkeit im Zusammenspiel der
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräfte ein sowie den
Schutz der Armen und Schwachen.
(Quelle: http://www.sankt-clemens.de/pfarrei/soziallehre)
Aber auch
aus späterer
Zeit gibt es Dokumente, die das zeigen, was die Menschen Deutschlands
sowohl nach
dem Krieg wie auch bei dem riskanten Auflehnen gegen die Diktatur im
Ostteil Deutschlands erreichen wollten: "Wenn
also auch immerhin die Vereinbarung zwischen Arbeiter und Arbeitgeber,
insbesondere hinsichtlich des Lohnes, beiderseitig frei geschieht, so
bleibt dennoch eine Forderung der natürlichen Gerechtigkeit
bestehen,
die nämlich, daß der Lohn nicht etwa so niedrig sei,
daß er einem
genügsamen, rechtschaffenen Arbeiter den Lebensunterhalt nicht
abwirft.
Diese schwerwiegende Forderung ist unabhängig von dem freien
Willen der
Vereinbarenden. Gesetzt, der Arbeiter beugt sich aus reiner Not oder um
einem schlimmeren Zustande zu entgehen, den allzu harten Bedingungen,
die ihm nun einmal vom Arbeitsherrn oder Unternehmer auferlegt werden,
so heißt das Gewalt leiden, und die Gerechtigkeit erhebt gegen
einen
solchen Zwang Einspruch."
Dieses Zitat zum doppelt freien
Lohnarbeiter im Sinne von Karl Marx ist nicht etwa von Lenin, Karl
Liebknecht oder Sahra Wagenknecht, sondern von Papst Leo XIII.
[8] Das Ahlener Programm ist ein am 3. Februar
1947 im Gymnasium St. Michael in Ahlen beschlossenes Wirtschafts- und
Sozialprogramm der nordrhein-westfälischen CDU. Das Programm trat
an die Stelle des 1946 beschlossenen Neheim-Hüstener Programmes.
Das Ahlener Programm ist in der Geschichte der CDU einmalig, da es einen christlichen Sozialismus propagierte.
Es hatte allerdings Wurzeln in der Katholischen Soziallehre und der
Evangelischen Sozialethik des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts
(Christliche Soziallehre). Das Programm begann mit den Worten:
„Das
kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen
Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. (…)
Inhalt und Ziel (einer) sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann
nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur
das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinschaftliche
Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung
erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem
geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren
und äußeren Frieden sichert.“
– CDU: Ahlener Programm 1947
Es forderte eine teilweise Vergesellschaftung der Großindustrie
und starke Mitbestimmungsrechte. Gleichzeitig sprach es sich gegen
einen Staatssozialismus aus.
In den Jahren nach Verabschiedung des Ahlener Programms setzte sich
innerhalb der CDU, maßgeblich vorangetrieben von Konrad Adenauer,
eine wirtschaftspolitische Strategie durch, die sich an der sozialen
Marktwirtschaft orientierte. Das Programm wurde durch die zwei Jahre
später beschlossenen Düsseldorfer Leitsätze revidiert
und weiterentwickelt. Die am 15. Juli 1949 beschlossenen
Düsseldorfer Leitsätze fungierten als Programm für die
erste Bundestagswahl. In scharfer Absage an
den 'Liberalismus unsozialer, monopolistischer Prägung'
propagierten sie eine 'sozial gebundene Verfassung der gewerblichen
Wirtschaft, in der die Leistung freier und tüchtiger Menschen ...
ein Höchstmaß von wirtschaftlichem Nutzen und sozialer
Gerechtigkeit für alle bringt'.
Die politische Demokratie sollte
durch wirtschaftliche Demokratie flankiert werden.
(Quelle: Wikipedia)
Die Redaktion bedankt
sich ausdrücklich bei allen Korrektur-Lesern für die
zahlreichen Hinweise und Anregungen!
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