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Der "Fall"
Tillich !?!
von
Andreas Peter Müller | (c) Chemnitz-Report! Unabhängiges
Journal aus Chemnitz! | 01.12.2008
Ein roter
"Husar", die Gnade westlicher Geburt, ein klassisches Eigentor,
angesägte Stühle, eine Stellvertreterdiskussion und
"Nebenkriegsschauplätze" - Geht es nicht in Wirklichkeit um etwas
ganz anderes?
Erst nutzten bestimmte
altbundesländische Verlage die Veröffentlichung einer Studie
der FU Berlin um den Ostdeutschen ihre Fähigkeit zur
Eigenbewertung der DDR und ihrer eigenen persönlichen
Lebensläufe und Lebenserfahrungen abzusprechen - sie damit
faktisch politisch zu
entmündigen: "Alle
verklärt im Osten" - das war die Botschaft, welche viele
diesen Veröffentlichungen entnahmen, wie man u.a. in den
Onlinediskussionen großer Internetplattformen (wie z.B. XING)
lesen konnte. Statt dem offen und konsequent entgegen zu treten,
sattelte der neue Fraktionsvorsitzende
der CDU-Landtagsfraktion
Sachsens, Steffen Flath, mit seinen "Handlungsempfehlungen"
hier noch weiter auf.
Die Situation in Deutschland fernab der
großen Scheinwerfer
Eine Finanzkrise war im Anrollen. Eine
Wirtschaftskrise würde folgen. Die Hartz-IV-Gesetzgebung zeigt
infolge ihrer teilweise sehr einseitigen Auslegung auf Fordern und der
noch
immer
nicht voll umgesetzten Ansprüche auf Fördern eine zunehmend
unsozialere Fratze, unter welcher immer mehr Menschen leiden.
Gewinnoptimierung über Geld statt über Arbeit - und damit
verbunden: Massenentlassungen, Leiharbeit und geringfügige bzw.
kurzlebige Beschäftigungsverhältnisse - die gelobte "soziale"
Marktwirtschaft wurde - und wird noch immer - verdrängt von
einer unsozialen
"freien" Marktwirtschaft. Der so genannte Mittelstand
zerfällt zunehmend in zwei Schichten - in die, welche
größere stabile Unternehmen führen und im "Teich der
Großen" noch mitmischen können, und in die, welche sich
bezüglich ihrer wirtschaftlichen Lage und Risiken zunehmend der
so genannten "Unterschicht" nähern, wie Einzelhändler, kleine
Handwerksfirmen und Büros, bzw. nach dem Verlust ihrer Unternehmen
gar ins Bodenlose abstürzen.
Die
Folgen der in den letzten 10 bis 15 Jahren eingeschlagenen Politik
waren eigentlich voraussehbar. Nicht nur linke Parteien und Ideologen haben
schon lange
vor den Risiken und gesellschaftlichen Verwürfnissen einer
derartigen Entwicklung gewarnt: auch prominente
CDU-Sozialpolitiker oder die großen Kirchen
wiesen immer wieder auf die hiermit verbundenen Gefahren hin. So sagte
zum Beispiel
Heiner Geißler bereits 2004 unter Bezug auf Ludwig
Erhard im Zusammenhang mit der derzeitigen Politik- und
Wirtschaftsausrichtung: "Dem Urvater
der
sozialen Marktwirtschaft sei es um das Wohl der kleinen Leute gegangen,
mit den großen Profiteuren habe er wenig im Sinn gehabt. Sein
Wirtschaftsmodell sollte die deutsche Nachkriegsgesellschaft vor den
Exzessen eines ungezügelten Kapitalismus schützen, statt sie
ihnen auszuliefern." (I)
Doch
von grenzenlosem Gier und Geiz getrieben, auf scheinbar
grenzenlosen Individualismus setzend und das Wort "Freiheit"
schlichtweg pervertierend, wurden diese Warnungen seit dem
Zusammenbruch der sozialistischen Länder in Osteuropa einfach zur
Seite geschoben, und unter dem Deckmantel einer diesbezüglich kaum
beeinflussbaren Globalisierung die sozialen Besitzstände in
Deutschland zugunsten immer größerer Profitraten
zurück gebaut.
Da die
großen
Volksparteien CDU, CSU und SPD diesen Kurs der Hochfinanz und Konzerne
mit
entsprechenden Gesetzlichkeiten flankierten und massiv
unterstützten, schwand ihre Bindewirkung für alle die
Menschen, welche hierbei auf der Strecke blieben oder gravierende
Nachteile erfuhren.
Hierzu zählt nicht nur das Heer der Arbeitslosen und
Hartz-IV-Empfänger, sondern mittlerweile auch wesentliche Teile
des Mittelstandes und der Arbeitnehmer mit Arbeit.
Ein
Rückblick in die Geschichte zeigt, eine Gesellschaft
radikalisiert sich in dem Maße, wie die Menge der vom "Erfolg"
der
Gesellschaft abgekoppelten Menschen wächst. Die schlimmsten Beispiele für die
zuzunehmende Radikalisierung in der Bundesrepublik sind am RECHTEN RAND die Wahlerfolge der
NPD und der Republikaner sowie am LINKEN
RAND die Bildung bzw. Handlungen des "Schwarzen Blocks" und
radikaler Autonomengruppen, welche relativ wenig - um nicht zu sagen
kaum etwas - mit einer Demokratie verbindet.
Die Gnade
der westlichen Geburt und Legendenbildung zur Abwehr des
Wunsches auf Erhalt eines sozialen Staates?
Eigentlich
logisch, dass bei einer derartigen Entwicklung der Wunsch
nach Erhalt sozialer Sicherheit wieder zunehmend ins Blickfeld der
Menschen
gerät. Die
Menschen, welche nicht mit auf die scheinbare Überholspur
Deutschlands einbiegen konnten und auf
der
Strecke blieben und bleiben, sind eben auch Wähler. Wähler,
die nun
nach politische Alternativen suchen, welche Ihnen durch eine
anders geartete Politik Chancen bieten, von der "Verliererspur" wieder
herunter zu kommen. Es sind die Menschen, die ein Ludwig Erhard mit
seiner Politik im Auge hatte, auf deren Wohl seine Politik - und lange
Zeit auch die der Bundesrepublik Deutschland generell - ausgerichtet
war: die "kleinen
Leute"!
Statt
jedoch die Ursachen zu analysieren und konsequent gegenzusteuern,
werden "Ersatzfeindbilder" und "Nebenkriegsschauplätze" aufgebaut.
Neben so genannten "Sozialschmarotzern" im Hartz-Klientel war es erst
der marode und unproduktive Osten, welcher "als Fass ohne Boden" der
Bundesrepublik wie ein Klotz am Bein hängen würde (nachdem
man
heraus geholt hatte, was ging), dann der Solidaritätszuschlag, den
scheinbar nur Altbundesländler zahlen. Später folgte die
Mär von den "unbeweglichen, zum Radikalismus neigenden"
Ostdeutschen ("Im Osten bleibt der dumme Rest" - so alt ist diese
Schlagzeile auch noch nicht) an sich, die einfach nicht mitziehen
wöllten, weil sie "es aus ihrer Biographie gewohnt seien, dass der
Staat für sie sorge".
Da nicht mit
inhaltlicher Diskussion und Angeboten auf politische, wirtschaftliche
und soziale Fragen, Sorgen und Probleme geantwortet, die eigene Politik
nicht auf den
Prüfstand gestellt wurde, sondern eben nur platt diese
"Feindbilder" bemüht wurden, war es beinahe zwangsläufig,
dass sich Die Linken nun auch
in den alten Bundesländern
etablieren konnten. Zu sehr steckt die im Wesentlichen wohl sehr
berechtigte Angst vor weiterem sozialen und wirtschaftlichen Abstieg
bereits in weiten Teilen unserer Gesellschaft, als dass 20 Jahre nach
der Wende ein "SED-Gespenst" im Zusammenhang mit der mehrfach
"reformierten" Die Linken
wirklich noch den abschreckenden Charakter hätte, wie 1989/90. Letztlich wurde aber auch
hierfür nicht die Schuld vor der eigenen Haustür gesucht,
sondern indirekt
den "verklärten Ossis" wegen ihrer "fehlenden Distanz" zum
DDR-Unrecht
die Schuld zugeschoben.
"Handlungsempfehlungen" ein Eigentor ?
Schach ist ein großes Strategiespiel.
Es hat viele Parallelen zur Politik - z.B. die so genannten
Opferzüge, welche sich auch in der Alltagspolitik immer wieder
auffinden lassen. Das Gros der Opferzüge in Partien lässt
sich vom Prinzip auf zwei Grundvarianten reduzieren.
"Der eine gleicht dem Wurf mit der
Wurst nach der Speckseite. Man beginnt mit einem Opfer, erhält aber mindestens das Gleiche
oder mehr zurück" (II): Zum Beispiel wird
zum Zeitpunkt geplanter Bezugserhöhungen eine Studie zu
"überhöhten "Harz-IV-Sätzen" veröffentlicht. Nach heftigen
öffentlichen Diskussionen, in welchen die Verfasser der Studie
verrissen werden, wird man dafür gefeiert, dass man die
Bezüge nicht senkt, obwohl ja eigentlich Erhöhungen
geplant waren!
"Der andere Typ ist das Opfer zum
Aufbrechen einer Königsverschanzung." (II) Dass die
"Handlungsempfehlungen" des CDU-Fraktionsvorsitzenden Steffen Flath als
ein derartiger Opferzug geplant war, ist schwer vorstellbar. Genauso
schwer ist allerdings vorstellbar, dass niemand geahnt hätte, dass
es genau darauf hinaus laufen würde. "Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit
Steinen werfen" trifft zwar nicht den Nagel auf den Kopf, jedoch
dass "Jemand, der anderen auf die
Füße tritt, mit einer entsprechenden Antwort rechnen
muß", tut dies schon.
Die "Handlungsempfehlungen" und ergänzenden Interviews des
CDU-Fraktionsvorsitzenden Steffen Flath stellen mehr oder weniger alle
Mitglieder von Die Linken
unter den Generalverdacht des Extremismus, der Diktatur-Verklärung
oder der (Mit-)Schuld für DDR-Unrecht, insbesondere aber
diejenigen, welche in der DDR bereits in der Vorgängerpartei SED waren - ohne Rücksicht auf
die nunmehr für sich selbst eingeforderten individuelle Analyse
des persönlichen Lebenslaufs und Handelns in der Zeit vor 1989.
Angesichts dessen, dass ein Teil der CDU-Mitglieder in
heutigen Führungspositionen damals selbst als Mitglied einer
Blockpartei mehr oder
weniger aktiv in das politische System der DDR eingebunden war,
dürften
die nicht differenzierenden Thesen und Äußerungen des
Fraktionsvorsitzenden der
CDU-Landtagsfraktion Sachsens einem gestellten Bein für alle jene
Parteifreunde mit Blockpartei-Vergangenheit gleich kommen.
Unter
Bezug auf Herrn Flaths
eigene Blockparteizugehörigkeit könnte man deshalb wohl zu
Recht von einem klassischen politischen
Eigentor sprechen. Bei unvoreingenommener Betrachtung war eigentlich
voraus zu sehen, dass dieses undifferenzierte Vorpreschen irgendwann
nach
hinten losgehen muss. Das es jetzt ausgerechnet Stanislaw Tillich
erwischt, ist sehr bedauerlich und wohl genauso daneben, wie die Art
und Qualität des Vorstoßes von Herrn Flath.
Eingeknickt oder getrieben?
Man
kann sich nur schwer des Gefühls erwehren, dass die
Vorwende-Mitglieder der sächsischen CDU - anstatt den Schmutzkampagnen
schwärzester Art deutschen "Journalismus" gegen die im Osten
geborenen und aufgewachsenen Bürger unserer Bundesrepublik
entschieden entgegen zu
treten - sich von diesen vor sich her treiben ließen und mit den
"Handlungsempfehlungen" mehr oder weniger "beweisen" wollten, dass sie
noch "konsequentere Demokraten" seien, als die Altbundesländer.
Dabei ist
eine Abgrenzung von denjenigen, welche Unrecht in der DDR
begangen haben, durchaus mehr als berechtigt und kann nicht oft genug
wiederholt und konsequent genug durchgesetzt werden. Nicht das ist
falsch! Falsch ist in erster Linie die Pauschalisierung! Und falsch
dürfte auch die - zumindest so deutbare - politische
Instrumentalisierung zum Ausbremsen eines
politischen Gegners sein.
So wie heute viele Menschen nur in Parteien eintreten, um Karriere zu
machen,
gab es dies auch in der DDR. Diese eigentlich weitgehend politisch
Ziellosen - im Volksmund auch "Dünnbrettbohrer" genannt - gibt
es heute in allen Parteien, von Die
Linken bis zur CDU/CSU. Es gab
sie auch in der DDR in allen Parteien, von der SED bis zur CDU. Dies
ist nicht schön und für eine Demokratie im Gegensatz zur
Diktatur sogar eher
problematisch, aber letztlich kein Verbrechen.
Ein Verbrechen oder verwerflich ist es auch nicht gewesen, sich in
einer der Blockparteien zu engagieren - sei es die SED, die CDU, die
LDPD oder eine andere - solange man etwas für die Menschen bewegen
wollte und nicht wegen politischer Ideologie anderen geschadet oder
Unrecht zugefügt hat.
Die DDR hatte hohe Wertmaßstäbe gesetzt, die ein sich
Engagieren
in ihr letztlich durchaus für gut erscheinen lassen konnten. Dass
die
"Elite" und ihre Helfershelfer diese Wertmaßstäbe in
ideologischer Verblendung und Selbstüberschätzung oft selbst
missachtet und teilweise pervertiert haben, dass sie politisch
"unliebsame"
Menschen unter unwürdigsten Bedingungen internieren lassen und
Recht
gebeugt hat - genau dass führte letztlich zum Bruch mit dem
eigenen Volk und
zu deren Sturz.
Wenn jetzt Parteifreunde von Ministerpräsident Stanislaw Tillich
einfordern, dass sein tatsächlicher Lebenslauf aus dieser Sicht
fair und individuell betrachtet werden soll, ist diese Forderung
eigentlich etwas selbstverständliches. Selbstverständlich
sollte allerdings auch sein, dass dies für alle Ostdeutschen gilt,
zumindest spricht die Verfassung unserer Bundesrepublik
diesbezüglich eine sehr deutliche Sprache.
Der rote Husar - selbst ernannter
Chefaufklärer Sachsens ?
Eine Demokratie ermöglicht es im
Gegensatz zu einer Diktatur - zum Glück - tatsächliche (und
scheinbare) Verfehlungen von Verantwortungsträgern offen zu legen.
Dies ist gut, solange es sich wirklich um tatsächliche
Verfehlungen handelt und dies verantwortungsbewusst getan wird - es
nicht in erster Linie dazu dient, unliebsame Kontrahenten mangels
anderer Gründe auszubooten. Die Politik zeigt hierbei jedoch immer
wieder auch die Schattenseite: wie missbräuchlich dies
genutzt werden kann.
Der SPD-Abgeordnete des Sächsischen Landtags, Karl Nolle, hat
sich
immer wieder mit derartigen "Aufklärungsbemühungen" ins
Rampenlicht gebracht.
Es wundert also wenig, dass ausgerechnet er - nachdem seine "Lieblingsziele" der letzten
Jahrzehnte: Prof. Biedenkopf und Prof. Milbradt nicht mehr zur
Verfügung stehen - auf die Steilvorlage von Herrn
Flath aufspringt.
Diesmal wirft sein Vorgehen aber mehr Fragen auf, als es Antworten
gibt: War es verantwortungsbewusst? Was
nützen diese Veröffentlichungen der Allgemeinheit? Warum eine
auf eine Person fixierte Vorveröffentlichung zum jetzigen
Zeitpunkt?
Hätte Karl Nolle generell eine Diskussion über die Bewertung
der DDR-Vergangenheit, das politische Wirken in dieser Diktatur -
unabhängig
ob in der SED selbst oder einer Blockpartei - thematisieren wollen,
hätte er mehr Beispiele veröffentlichen und die Fragestellung
als Überschrift bringen müssen. Er hätte sich vor allem
damit auseinander setzen müssen, in wie weit
politisches Engagement in der DDR zum Wohle der Menschen möglich
und wer für was verantwortlich war. Doch hat er dies? Und kann
er dies als Altbundesländler überhaupt?
Angekommen ist nur einer seiner "üblichen" Angriffe auf einen aus
der CDU stammenden Ministerpräsidenten Sachsens und der "Nachweis"
von scheinbaren persönlichen "Verfehlungen" desselben. Ein
Zusammenhang zur politischen Diskussion scheint nirgendwo erkennbar
zu sein - zumindest redet wohl niemand wirklich darüber.
Da Karl Nolle nicht in der DDR gelebt hat, wirft sich zudem die Frage
auf, wieso gerade er über die Informationen verfügte, die nun
Ministerpräsident Stanislaw Tillich und die Ost-CDU in
Erklärungs- und Rechtfertigungszwänge treibt. War es in
Sachsen (und der Bundesrepublik) die letzten 20 Jahre tatsächlich
weitgehend unbekannt (oder gar uninteressant?), was Herr Tillich vor
der Wende tat? Warum hat sich vorher kein Journalist, kein politischer
Gegner hierfür interessiert oder hierzu zu Wort gemeldet?
Es bleibt wohl letztlich bei diesem Vorstoß von Karl Nolle der
unschöne Beigeschmack, dass möglicherweise von
"interessierter" Seite ein "williger" (Ersatz-)Vollstrecker gesucht - bei dem die wahren
Initiatoren im Hintergrund bleiben können - und
in dem SPD-Landtagsabgeordneten gefunden wurde. Dass er sich hiermit vor
dem neuen Urnengang zu den
Landtagswahlen wieder ins Gespräch gebracht und mit
Ministerpräsident Tillich auch noch einen allgemein angesehen
politischen Gegner empfindlich geschwächt haben dürfte, wird
Herr Nolle sicher
nicht als Motivation für seine "Aufdeckungen" genannt haben
wollen.
Dass dies ein "unvermeidbarer" Nebeneffekt ist, scheint aber angesichts
der bundesweiten Wellenschläge offensichtlich zu sein.
Verschwörungstheorien über
angesägte Stuhlbeine ?
Der Zeitpunkt der "Vor-"Veröffentlichung - gerade eine
Woche vor dem
CDU-Bundesparteitag - lässt aufkommenden Vermutungen und
Verschwörungstheorien jede Menge Raum, es ginge womöglich nur
um eine Schwächung der ostdeutschen CDU, damit diese
"stiller" und "zurückhaltender" agieren und ihre Positionen
weniger erfolgreicher durchsetzen könne. Gerade die
sächsische CDU stützt vehement die Kanzlerin in ihrem
"Gesundsparkurs" und in ihrer "Verweigerung" gegen ein weiteres
vorgezogenes Konjunkturprogramm. Eine etwas "kleinlautere" Sachsen-CDU
auf dem Stuttgarter Bundesparteitag käme folglich gerade einigen
westlichen CDU-Größen zumindest nicht ungelegen.
Nach
der Wende wurde die
überwiegende Mehrheit aller relevanten Führungspositionen in
den
Verwaltungen, Behörden, Ministerien, Staatsorganen sowie bei
Justiz-
und Polizei Sachsens mit Altbundesländlern besetzt. Teilweise gilt
dies auch für die CDU Sachsens. Die damals bitter notwendig
scheinende Praxis der Stellen- und Schlüsselpositionenbesetzung
wirkt heute eher überholt
und ihre Fortsetzung hat längst jegliche Begründbarkeit
eingebüßt. Ein wachsendes
ostdeutsches Selbstbewusstsein hat beinahe zwangsläufig auch
eigene
Führungsansprüche zur Folge, insbesondere dann, wenn
frei werdende Stellen zu besetzen sind. Gerade deshalb gibt es wohl
nicht nur auf
Bundesebene Interessengruppen, die ein stärkeres Selbstbewusstsein
von ostdeutschen CDU-Politikern eher mit einem weinenden Auge
betrachten.
Doch ganz abgesehen von diesen wilden Verschwörungstheorien - die
zu Widerlegen nur der über seine Quellen schweigende Karl Nolle in
der Lage sein dürfte - gibt es einen viel wesentlicheren Konflikt,
als mögliche innerparteiliche Machtspiele: Die Frage der
Auseinandersetzung mit der politischen Ausrichtung der Bundesrepublik.
Welche Wirtschaftsordnung will Deutschland?
Die
weltweite Entwicklung hat die Mär vom sich selbst regulierenden
alle glücklich machenden "Freien Markt" absurdum geführt. Sie
hat darüber hinaus den unter Kanzler Gerhard Schröder
begonnenen und unter der großen Koalition fortgesetzten
neolieberalen Kurs als Irrweg entlarvt.
Wenn die derzeitige Aufregung um Einzelpersonen - Herr Tillich
dürfte voraussichtlich wohl nicht die einzige
"Enthüllungspersonalie" bleiben - verflogen ist, sollte die Frage
nach dem zukünftigem Wirtschaftssystem wieder in den Brennpunkt
der Diskussion rücken: Wird Deutschland weiter auf dem
neoliberalen Kurs steuern oder wird der Weg zur "Freien
Marktwirtschaft" wieder verlassen?
Kann Deutschland sich wieder auf die "Soziale Marktwirtschaft"
zurück besinnen, die der Bundesrepublik fast 50 Jahre Wohlstand
für alle brachte oder spitzen sich die Widersprüche weiter zu
und eskalieren irgendwann in nicht mehr beherrschbaren Zuständen?
Gibt es einen von kontrollierter Marktwirtschaft geprägten
christlich-demokratischen Sozialismus (wie ihn letztlich wohl auch
Ludwig Erhard im Auge hatte) oder ist Sozialismus immer mit Diktatur
(wie es Lenin propagierte) verbunden?
Erst im Zuge derart grundsätzlicher Diskussionen dürfte sich
auch die Rolle politisch Aktiver in der DDR objektiv einstufen lassen.
Aus der Sicht einer "Freien Marktwirtschaft" wird dies - schon aus den
hier sehr eindeutig gelagerten Interessen - nie frei von ideologischer
Vorverurteilung erfolgen können.
Anhang:
Quellen:
(I) Zitat: Die
Zeit "Ein Erhard für alles" / 30.11.2008)
(II) Zitat:
Die Zeit: "Schach" / 05.07.2007 / Wolfram Seibt aus Lohne)
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