
Mittelschulen - Eine aussterbende
Schulart? Gibt es in
Chemnitz bald keine mehr?
von Andreas Peter Müller | (c)
Chemnitz-Report! Unabhängiges Journal aus Chemnitz! | 17.03.2007
Nach Veröffentlichung der
Anmeldezahlen für Mittelschulen und Gymnasien: Während in
Sachsen Entspannung herrscht, geht in Chemnitz das Bangen um die
"letzten" Mittelschulstandorte noch weiter!
Am
Samstag, den 17.03.2007, wurden in der Presse die bisherigen
Anmeldungen im Mittelschulbereich veröffentlicht. Zu großen
Enttäuschung des Chemnitzer Kreiselternrates sah jener sich
bestätigt in der
Auffassung, daß die letzten Schulschließungen im
Mittelschulbereich in keinster Weise der Stabilisisierung des
Chemnitzer Schulnetzes dienten, sondern das Problem nur immer weiter
in das Stadtinnere holten und weiter verschärften.
Im
Zuge der letzten Aufhebungen wurden im Wesentlichen die
Randschulen der Stadt Chemnitz zur Schließung ausgewiesen, so
die Mittelschulen in Grüna, Wittgensdorf und Harthau. Der
Kreiselternrat Chemnitz hat immer davor gewarnt, diese Schulen zu
opfern, nicht zuletzt mit dem Bürgerbegehren 2005 dies zu
verhindern versucht bzw. mit der ablehnenden Aussage in der vor
wenigen Tagen eingereichten Stellungnahme zur Schließung der
Mittelschule Wittgensdorf.
Mittlerweile ist der komplette
Norden und Süden von Chemnitz "Mittelschulfrei"!
Während
sachsenweit die ".. allermeisten Mittelschulen und Gymnasien
entspannt das neue Schuljahr planen .." (Zitat Sächsische
Zeitung) tituliert die Freie Presse in Chemnitz: ".. Hälfte
der Chemnitzer Mittelschulen mit zu wenigen Anmeldungen ..". So
sind in der Freien Presse allein 5 vom 10 (+2) Mittelschulen der
Stadt Chemnitz aufgeführt, die derzeit gerade so knapp eine bzw.
gar keine Klasse bilden.
Es ist nicht zu leugnen, daß
sich die Schülerzahlen derzeit im Oberstufenbereich halbiert
haben. Angesichts des wohl niedrigsten Standes von
Mittelschulbewerbungen bei rund 200 Mehrbewerber insgesamt in Chemnitz
für eine Schulart der Oberstufe ist es wenig problemlösend
und eher irreführend, jetzt eine Diskussion zu führen,
ob sich die Schülerzahlen in Chemnitz zukünftig wieder
drastisch oder
weniger drastisch erhöhen. Es reicht sich darauf beschränken,
daß sie soweit anwachsen, daß bisherige Prognosen zu
Kindertagesstätten längst revidiert und Neueröffnungen
vorgenommen werden mußten, ohne daß Wartezeiten in
einigen Stadtteilen ausgeschlossen werden konnten.
Beschränkt man sich auf den derzeitigen Stand einer Halbierung
der Schülerzahlen
gegenüber 1988/9 (dem Ende der DDR), muß dem gegenüber
gesetzt werden, daß sich die Anzahl der noch
einschulberechtigten öffentlichen Mittelschulen in Chemnitz
bereits auf weniger als ein Drittel gegenüber dem Stand 1998
reduziert hat und bei weiteren potentiellen Schließungen auf
unter ein Viertel absinken kann! Dies wäre die weitgehende
Verabschiedung der Stadt Chemnitz aus diesem Schulbereich! Ein
völlig
undenkbares Szenario!
In den letzten
10 Jahren geschlossene oder zur Aufhebung ausgewiesene öffentliche
Mittelschulen:
01 Alexander-v.-Humboldt-Mittelschule
02
Baumgartenschule Grüna
03 Blaise-Pascal-Mittelschule
04
Dr.-Theodor-Neubauer-Mittelschule
05
Emanuel-Gottlieb-Flemming-Mittelschule
06
Gottfried-Keller-Mittelschule
07
Johann-Gottfried-Herder-Mittelschule
08
Karl-Liebknecht-Mittelschule
09 Kirchner-Mittelschule Wittgensdorf
(incl. ihrer Außenstelle MS "Röhrsdorf")
10
Käthe-Kollwitz-Mittelschule
11 Max-Plank-Mittelschule
12
Mittelschule Borna
13 Mittelschule Harthau (incl. ihrer
Außenstelle MS "Einsiedel")
14 Mittelschule
Markersdorf
15 Mittelschule Rabenstein
16
Nikolaus-Kopernikus-Mittelschule
17 Pablo-Neruda-Mittelschule
18
Schlossschule Mittelschule
19 Theodor-Körner-Mittelschule
20
Valentina-Tereschkowa-Mittelschule
21 York-Mittelschule
Bereits
davor geschlossene öffentliche Mittelschulen:
22
Mittelschule Siegmar (später zeitweise Außenstelle der
Mittelschule Schönau)
23 R.-Koch-Mittelschule
24
Otto-Lilienthal-Mittelschule
25 Mittelschule "Einsiedel"
(später zeitweise Außenstelle der Mittelschule
Harthau)
Noch zur Einschulung
freigegebene öffentliche Mittelschulen:
01
Albert-Schweitzer-Mittelschule
02 Annen-Mittelschule
03
Friedrich-Adolf-Wilhelm-Diesterweg-Mittelschule
04
Georg-Weert-Mittelschule
05 Josephinenschule -MS -
06
Mittelschule Altendorf
07 Mittelschule "Am Flughafen"
08
Mittelschule Reichenbrand
09 Mittelschule Schönau
10
Untere Louisenschule -MS-
Noch zur Einschulung freigegebene
öffentliche Mittelschulen mit Sonderkonzepten:
11
Jan-Amos-Comenius-Mittelschule (Sonderschule: Sportschule)
12
Chemnitzer Schulmodell Abrecht-Dürer-Schule
(Sonderpädagogisches
Konzept)
Von ehemals mindestens 35(+2)
Mittelschulen dürfen somit derzeit noch 10(+2) Mittelschulen
einschulen. Recht
zu erhalten ist nicht immer schön, kann sogar mitunter sehr weh
tun. Dem Kreiselternrat in Chemnitz tut die Situation mit Sicherheit
weh, vielen Verantwortlichen in Stadt und Land sicher auch.
Das derzeitige mehrfache Nichterreichen der notwendigen
Schülerzahlen trotz Reduzierung der Mittelschulen auf unter ein
Drittel in Chemnitz, während in anderen Landesteilen Sachsens
die "... allermeisten Mittelschulen und Gymnasien entspannt das
neue Schuljahr planen ..." (Zitat Sächsische Zeitung),
läßt
leider keinen anderen Schluß mehr zu, als daß die vom
längjährigen Schulbürgermeister verfolgte Politik im
Mittelschulbereich tatsächlich als grundlegend gescheitert
angesehen werden muß und die Stadt Chemnitz deswegen heute vor
kaum lösbaren Problemen steht.
Die Schließung der
Randschulen hat dazu geführt, daß große Teile
potentieller Mittelschüler der Stadtteile Röhrsdorf,
Wittgensdorf, Glösa-Draisdorf, Heinersdorf, Ebersdorf, Euba,
Kleinolbersdorf-Altenhain, Einsiedel, Erfenschlag, Harthau,
Klaffenbach, Hutholz, Mittelbach und Grüna sowie geringere Teile
der Stadtteile Reichenhain und Adelsberg sich nicht mehr im
"Oberzentrum" Chemnitz beschulen lassen, sondern statt
dessen in Umlandgemeinden ausweichen.
Unterstützt wird
dieser Prozess durch deutlich höhere Mittelbereitstellungen der
Umlandgemeinden für ihre Schulen sowie durch eine teilweise
deutliche kostengünstigere Schülerbeförderung dort. So
sind die schülerbezogenen Mittelbereitstellungen in den
Umlandgemeinden zum Teil doppelt so hoch, wie in Chemnitz.
Die
jahrelange zu geringe Mittelbereitstellungen in Chemnitz tut allen
Schularten weh. Die Mittelschulen als sozialer Brennpunkt trifft es
besonders hart. Der Hilfeschrei der Mittelschulen im vergangenen Jahr
verstummte leider viel zu schnell wieder und führte zu keiner
Verbesserung in Chemnitz.
Die Flucht ins Umland und - seit
der Öffnung der Bildungsempfehlung für Gymnasien auch
dorthin - ist derart konsequent und massiv, daß bereits zeitnah
das Funktionieren eines die Kinder erfolgreich auf das spätere
Leben vorbereitenden Mittelschulbetriebes trotz größter
Anstrengungen der Lehrerschaft und Schulleitungen immer
problematischer wird.
Der Kreiselternrat Chemnitz weißt in einem Offenen Brief
ausdrücklich
darauf hin, daß es sich diesmal nicht um ein Problem der
Landesschulpolitik handelt, sondern hausgemacht ist. Gleichzeitig
bittet er in diesem Schreiben Frau
Oberbürgermeisterin Barbara
Ludwig ausdrücklich darum, unter ihrer Leitung einen Arbeitskreis
"Mittelschulen" (analog dem Arbeitskreis
zur Fachkräfteproblematik) einzurichten, welcher
eine
grundlegende Änderung der Stadtpolitik im Mittelschulbereich und
- was noch viel wichtiger ist - eine deutliche Verbesserung der
Situation an den
Mittelschulen insgesamt - bewirken soll. Hierbei ist höchste
Eile geboten.
Die
Oberbürgermeisterin der Stadt Chemnitz, Frau Barbara Ludwig, hatte
sofort nach ihrem Amtsantritt unter ihrer Leitung einen Arbeitskreis
zur Fachkräfteproblematik eingerichtet, der hervorragend
arbeitet und bereits jetzt erste Verbesserungen veranlasst hat. In
ihm sind neben der CWE, der IHK, der Kreishandwerkerschaft, der
Agentur für Arbeit, der Sächsischen Bildungsagentur, dem
DGB, dem Arbeitskreis "Schule-Wirtschaft" und der BWC unter
anderem auch Frau Hetzel und Herr Müller vom Kreiselternrat
sowie Herr Hufenbach vom Stadtschülerrat vertreten.
Der
Kreiselternrat Chemnitz empfiehlt Oberbürgermeisterin Barbara
Ludwig - ohne jedoch deren Entscheidungsmöglichkeiten
bei der Belegung einer solchen Arbeitsgruppe
einschränken zu wollen neben
Herrn
Näther (Schulverwaltungsamt) und Herrn Pethke (Jugendamt) sowie
eines Vertreters der Sächsischen Bildungsagentur vor allem
Schulleiter, Vertreter der Jugendeinrichtungen (Ganztagsschulen)
sowie des Kreiselternrates Chemnitz und Stadtschülerrats
Chemnitzes anzusprechen.
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